Masken und Schichten (2)

Als ich auf Vancouver Island in Kanada wohnte , lernte ich die herrlichen Masken der Nordwestpazifikküste kennen. In der Regel verkörpert jede Maske ein Totemtier: einen Wolf, einen Bären, einen Kolkraben, einen Wal oder sonst etwas. Manchmal sieht man auch Doppelmasken: eine Maske öffnet sich wie Doppeltüren, und dahinter steckt eine zweite Maske. Diese Doppelmasken deuten auf Legenden der Indianer hin, die mit Metamorphosen zu tun haben. Ein Wolf wird in einen Wal verwandelt, oder Ähnliches. Also hinter der Maske steht eine weitere Maske. Und man fragt sich, wo das eigentliche Gesicht des Menschen ist, der die Maske trägt. Wo hören die Masken auf und wie unterscheidet man Masken vom wahren Gesicht?

Es ist ein Gemeinplatz, dass die Menschen Masken tragen, und zwar im metaphorischen Sinne: Sie wollen ihr wahres Gesicht, ihre wahre Natur, nicht preisgeben, weil die anderen es nicht akzeptieren könnten. Aber wenn ich an Masken in diesem metaphorischen Sinne denke, kehren meine Gedanken unvermeidlich zu jenen Doppelmasken der Westküstenindianer zurück. Meines Erachtens trägt der Mensch nicht nur eine Maske, sondern zwei oder mehrere; er hat Schichten, wie eine Zwiebel. Diese Zwiebel kann man sorgfältig schälen und am Ende kommt man zum eigentlichen Kern. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht ist der vermeintliche Kern ja nur eine weitere Schicht. Auf jeden Fall sind diese Masken oder Schichten kulturbedingt, geprägt von der eigenen Kultur oder aber von anderen Kulturen, mit denen man im Laufe seines Lebens zu tun hat.

Wir Iren haben mehrere solche kulturbedingte Schichten. Von der Oberfläche habe ich schon gesprochen: Das ist die gewöhnliche irische Maske, die Rolle der „Sieben“ im Enneagramm, des gut gelaunten Spaßvogels, der gerne sein Bier trinkt und Witze erzählt. Und das ist der Eindruck, den der deutsche Besucher in Irland meistens gewinnt.

Aber wir sind nicht immer lustig. Wir haben auch unsere melancholische, düstere Seite. Ich erkenne dieses Element im Fado der Portugiesen. Auch wir haben, weiß Gott, genug traurige Lieder. Vielleicht hat das mit der Nähe zum Atlantik zu tun. Auf dieser Ebene hört man keine Witze mehr. Das ist eine zweite Schicht.

Gehen wir tiefer. Manchmal spüren wir Iren deutlich unsere ethnische Identität. Vor allem wenn wir unter uns sind und emotional werden, etwa wenn wir irische Musik hören, kommt eine weitere Schicht zum Vorschein. Dann ist Irischsein für uns das Wichtigste, wir spüren die Last der Geschichte, wir meinen, wir können nichts anderes sein, als das, was wir sind. Und wir grübeln über die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit, wie die Griechen es auch gerne tun.

Gehen wir noch tiefer. Sprache ist ein wesentlicher Faktor. Das ist schwierig zu erkennen, denn die meisten Iren sprechen kein Irisch mehr. Aber eine ganze tiefe Schicht von uns, die gälische Schicht, ist in Irisch kodiert, und die Ausländer bekommen das kaum zu spüren. Englischsprachige Iren sind davon zwangsläufig entfremdet, obwohl sie nicht gerne zugeben, dass es einen Teil von ihrem Irischsein gibt, zu dem sie keinen Zugang mehr haben. Aber tiefe Schichten im Menschen können unter der Schwelle des Bewusstseins liegen, und tatsächlich ist es so bei den Iren.

Da stehe ich also vor Euch, mit Maske und Schichten. Bitte klopft mir nicht auf die Schulter und brüllt nicht einfach: „Where are you from?“. Zeigt ein bisschen Respekt! Auch Ihr habt Eure Abgründe. Oder?

Masken und Schichten

Die mit Nummern etikettierten Persönlichkeitstypen des Enneagramms sind ziemlich bekannt. Einige Autoren haben der Versuchung nicht widerstehen können, ganze Kulturen mit diesen Mustern zu kennzeichnen. Für Richard Rohr und Andreas Ebert* ist Irland das Land der „Sieben“. Siebener sind fröhliche, humorvolle Menschen, die ihren inneren Schmerz mit sonnigem Optimismus tarnen. „Vor allem der irische Mann repräsentiert diese Energie. Jedes vierte Haus in Irland ist ein Pub. Der Brauch der irischen Totenwache beinhaltet, im Angesicht des Todes zu singen und zu tanzen. Wenn der irische Mann am Ende ist, beginnt er zu singen, zu tanzen und zu trinken. Er klopft seinem Gegenüber auf die Schulter und erzählt noch einen Witz.“ (S. 191). 

Das ist wohl ein Stereotyp. Aber in Stereotypen steckt immer ein ein Stück Wahrheit. Die Iren sind auf jeden Fall mit diesem Stereotyp ganz vertraut. Es ist zum beständigen Teil ihrer Selbstinszenierung geworden. Sie meinen zu wissen, was andere Völker von ihnen erwarten, und sie spielen die vorgegebene Rolle automatisch: gut gelaunte, gesellige Spassvögel. 

Um welche anderen Völker geht es aber hier eigentlich? Die Iren meinen oft, sie seien in der ganzen Welt bekannt und sogar beliebt. Aber seit zwei Jahrhunderten berücksichtigen sie nur die angelsächsische Welt: England, Amerika, Australien. Das ist zu ihrer Welt geworden. Dorthin sind sie ausgewandert, und dort sind sie bekannt, wenn auch nicht immer beliebt. Sie wissen, wie sie sich zu verhalten haben, um dem Erwartungshorizont der Fremden zu entsprechen. 

In anderen Ländern jedoch, wo nicht Englisch gesprochen wird, gibt es keine solche Tradition, keine Rezeption. Deswegen finden es die Iren schwierig, mit solchen Ausländern umzugehen, denn diese haben keinen Erwartungshorizont, und sie reagieren eher mit Verwirrung auf das übliche irische Spiel. 

Die Sprachgrenze, von der ich hier spreche, ist wichtig. Obwohl die Iren eine eigene Sprache haben, sind die meisten Aspekte des irischen Spieles heutzutage auf Englisch kodiert. Sie passen nicht so gut in andere Sprachen. Wenn die Iren auf dem europäischen Festland versuchen, ihr Spiel doch auf Englisch zu spielen, meinen die anderen, sie seien einfach Angelsachsen, wie alle anderen Angelsachsen, und die Iren werden grenzenlos enttäuscht, denn sie möchten sich unbedingt als Nationalität differenzieren. 

Die Deutschen sind jetzt viel in Irland, sie lernen fleißig Englisch und geben sich Mühe, die Iren zu verstehen. Sie glauben den Iren aber allzu leicht, wenn diese ihr stereotypes Spiel spielen. Wenn man einen Deutschen, der in Irland gewesen ist, in der Ferne antrifft und man preisgibt, dass man Ire ist, lächelt er plötzlich, klopft einem auf die Schulter und fragt „Where are you from?“, was ich eher peinlich finde. Aber wie könnte man sich dagegen wehren, ohne den braven Sprecher vor den Kopf zu stoßen? 

„Mein Lieber“, würde ich jeweils gerne sagen, „die Sache ist nicht so einfach, wie Sie meinen. Es ist nicht Ihre Schuld, dass Sie uns so vereinfachen, denn die Iren, selbst jene in Irland, geben sich die allergrößte Mühe, ihre bekannte Rolle vor Ausländern konsequent zu spielen. Ich aber möchte Ihnen dieses unehrliche Spiel ersparen, denn früher oder später werden Sie verblüfft sein, wenn sie Dinge bei uns erfahren, die dem Stereotyp nicht entsprechen. Vorläufig sehen Sie nur die Maske, nicht die darunterliegenden Schichten.“

Auf diese Schichten werde ich zurückkommen müssen.

 

* Rohr, Richard, und Andreas Ebert, Das Enneagramm, die 9 Gesichter der Seele: München: Claudius: 1999, 2010.

Von Ossian bis Enya

Mitten im 18. Jahrhundert schuf der junge Hochlandschotte James MacPherson mit „Ossian“ eine gälische Literatur auf Englisch. Dieses Werk war angeblich eine Prosa-Nacherzählung der Fiannaíocht, der alten gälischen Epen. Wir wissen seit langem, dass ein guter Teil davon vom Autor frei erfunden wurde, obwohl er unleugbar zur echten gälischen Tradition gehörte. „Ossian“ machte jedoch einen großen Eindruck auf englischsprachige Schotten im Unterland. Sie nahmen es begeistert als „nationales“ Epos an. 

Viele Iren waren hingegen verärgert, weil die Fiannaíocht, die auch ihr Epos war, von diesem schottischen Emporkömmling gestohlen worden war. Aber im 19. Jahrhundert nahmen sie ihre Revanche als Thomas Moore mit seinen „Irish Melodies“ eine andere gälische Literatur auf Englisch schuf. Moore war Ire gälischer Abstammung, ursprünglich ein Revolutionär. Doch nach dem gescheiterten Aufstand seines Freundes Robert Emmet gab er den irischen Nationalismus auf, wanderte nach England aus und machte dort eine glänzende Karriere. Er komponierte Lieder, nicht nur Gedichte, denn er war ein begabter Musiker und Sänger. Lord Byron war sein Freund; wie dieser interessierte er sich für die griechische Freiheitsbewegung, da es für Irland keine Freiheit gab. Er liegt in einem englischen Friedhof begraben. 

Wenn im Werk MacPhersons eine süße keltische Melancholie zu spüren war, betrat man bei Thomas Moore eine durchaus ähnliche Gefühlswelt, in der er über die irische Geschichte und die verlorene Freiheit trauerte. Moore fand Aufmerksamkeit bei den Engländern, die seine Lieder harmlos und charmant fanden, aber er hatte einen noch größeren Einfluss bei seinen irischen Landsleuten, vor allem nach der großen Hungersnot von 1847, in der meistens Irischsprachige millionenweise starben oder auswanderten. Die Iren brauchten jetzt eine nationale Literatur auf Englisch, da sie ihre eigene Sprache beinahe verloren hatten. Tom Moore ist längst nicht mehr Mode in Irland, denn die romantische Sensibilität, woraus er dichtete, ist tot. Aber die postgälische Kultur, die Moore schuf, ist immer noch lebendig. Nach Moore baute man weiter an einer Literatur auf Englisch, die oft von Übersetzungen aus dem Irischen oder mindestens von einer gälischen Atmosphäre abhing. 

Iren meiner Generation wuchsen mit dieser sogenannten angloirischen Dichtung auf und mit der postgälischen Identität, die diese vermittelte: In der Schule lasen wir Dichter wie Mangan, Ferguson, den Revolutionär Thomas Davis und selbstverständlich Yeats. Wir liebten auch die irische Musik; und für die nicht mehr so literarisch gesinnte Generation, die nach uns gekommen ist, sind Musik und Gesang kulturell noch wichtiger. Obwohl die alte postgälische Literatur nicht mehr geschrieben wird, arbeitet man mit den typisch gälischen Themen in der englischsprachigen Massenkultur weiter. 

Ein gutes Beispiel ist Enya (Eithne Ní Bhraonáin), die sich seit vielen Jahren mit ihren Liedern, meistens auf Englisch, aber teilweise auf Irisch, einen internationalen Namen gemacht hat. Sie stammt aus der echten gälischen Tradition, aber es ist klar, dass ihre Keltizität mehr mit König Artus und den Rittern der Tafelrunde zu tun hat als mit dem echten Gälentum. Artus-Mystik passt der internationalen New-Age-Bewegung besser.

Die postgälische Identität lässt sich im Ausland gut vermarkten: in England, in Amerika und in der ganzen angelsächsischen Welt, aber auch in Deutschland und sogar (erstaunlicherweise) in Japan. Ich kritisiere sie auch nicht. Es wird oft behauptet, dass die Engländer den „Celticism“ erfunden hätten, ohne die Kelten viel zu beachten. Aber man muss zugeben, dass keltische Dichter zu diesem kulturellen Phänomen wesentlich beigetragen haben, von MacPherson bis Tom Moore und weiter bis Enya, und dass sie eine postgälische Keltizität zur Verfügung stellen, nicht nur für Ausländer, sondern auch für ihr eigenes postgälisches Volk. Eine ganze Ersatzliteratur, könnte man sagen.

Von der Ziege, die beinahe für Irland fiel

Im Jahre 1920 wohnten meine Urgroßeltern und etliche andere Familienmitglieder in der St James’s Avenue in der Nähe von Croke Park in Dublin.

Meine Urgroßmutter war eine tüchtige Frau, die unter anderem einen Lebensmittelladen führte. Sie hatte außerdem im Hinterhof eine Ziege, die sie oft auf dem Grasareal vor Croke Park unweit ihres Hauses weiden ließ. Anscheinend war es damals in Dublin gang und gäbe, dass Privatpersonen in der Nähe ihrer Häuser eine Ziege oder andere Tiere hielten, um Milch zu haben.

Zu dieser Zeit aber tobte der irische Freiheitskrieg. Besonders der 21. November 1920 ist als „blutiger Sonntag“ in die Geschichte eingegangen. Der militärische Führer der Aufständischen, Michael Collins, hatte den Mord etlicher englischer Spione befohlen. Diese Männer wurden am frühen Sonntagmorgen von irischen Kämpfern hingerichtet; manche wurden aus ihren Betten geholt und ohne Weiteres erschossen.

Die „Black and Tans“ waren die gefürchteten Spezialeinheiten, die von den Engländern zur Bekämpfung des Aufstandes eingesetzt worden waren. Sie hießen so, weil sie als Uniform eine Mischung aus schwarzen Polizeijacken und khakifarbenen Militärhosen trugen. Die Black and Tans waren wütend über den mörderischen Angriff auf ihre Leute. Sie entschieden sich für einen spektakulären Racheakt. Mitten am Nachmittag fuhren sie auf ihren motorisierten Lastwagen nach Croke Park, wo ein gälisches Fußballspiel zwischen Dublin und Tipperary im Gange war.

Sie überfielen das Stadion und eröffneten das Feuer auf Zuschauer und Spieler. Viele wurden getötet und verwundet. Tausende gerieten in Panik und flohen in alle Richtungen. Sie wurde dann von den Maschinengewehren eines Panzerwagens in der St James’s Avenue unter Beschuss genommen.

Ein paar Stunden danach, als die Black and Tans weg waren und im Viertel wieder Ruhe eingekehrt war, ging meine Urgroßmutter zum Croke Park, um ihre Ziege zu suchen. Aber vom Tier war keine Spur. Überzeugt, dass die Ziege wie die vielen Menschen entweder niedergeschossen oder zu Tode getrampelt worden war, kehrte sie schweren Herzens nach Hause zurück. Es wurde Tee gemacht, alle Familienangehörigen saßen beisammen in der Küche und versuchten, sie zu trösten. Einer verkündete sogar feierlich: „Wenigstens kann man sagen, dass das arme Tier für Irland gefallen ist.“

Kurz darauf polterte es an der Haustür. Alle bekamen große Angst. „Jesses Gott!“ hieß es, „die Black and Tans sind zurückgekommen, um uns alle zu erledigen!“ und sie saßen wie angewurzelt am Tisch. Doch das Poltern wiederholte sich in regelmäßigen Abständen. „Wir müssen doch aufmachen“, stöhnte einer schließlich. „Sonst schlagen die die Tür ein.“ Das war tatsächlich die übliche Vorgehensweise der Black and Tans, wenn sie eine Razzia machten. Die Familienangehörigen gingen langsam zur Tür. Es polterte weiter. Sie öffneten die Tür. Aber da waren keine Black and Tans. Es war die Ziege. Ihr war es offensichtlich während der Schießerei gelungen, sich vom Strick loszureißen und mit der ganzen Menschenmenge zu fliehen, und nun war sie mit bewundernswertem Orientierungssinn zu ihrer Besitzerin zurückgekehrt. Sie hatte mit Stößen ihrer Hörner versucht, die Tür zu öffnen oder wenigstens auf sich aufmerksam zu machen. Mit großer Freude empfing meine Urgroßmutter das treue Tier. Und von da an hieß sie in der Familie „die Ziege, die beinahe für Irland fiel“.

Warum ich auf Irisch schreibe

Als Schriftsteller schreibe ich am liebsten auf Irisch, obwohl mir andere, weiter verbreitete Sprachen zur Verfügung stehen. Warum schreibe ich auf Irisch, wenn ich weiß, dass relativ wenige es lesen werden? Wie kann es sein, dass ich im Sande schreibe, wo die Wellen drohen, alles zu löschen?

Meine Antwort lautet folgendermaßen: Weil diese Sprache mir erlaubt, auf eine ganz bestimmte Art und Weise zu sprechen, Dinge zu sagen, die ich in keiner anderen Sprache sagen könnte.

Ich glaube, jede Sprache hat etwas ganz Bestimmtes zu sagen. Es ist die Pflicht oder die Aufgabe jeder Sprache (wenn ich mich so ausdrücken darf), das zum Ausdruck zu bringen, was nur in ihr zu sagen ist.

Das erfordert eine gewisse Strenge beim Schreiben. Es ist heutzutage einfacher, mit den Soßen der anderen sein Ragout zu kochen und aus den anderen Sprachen ohne weiteres das Gedankengut, das man braucht, zu übersetzen. Darauf aber muss man verzichten. Ins Irische kann man sowieso nicht alles leicht übertragen. Und was aus dem Irischen stammt, entspricht nicht dem internationalen Gedankengut, der „pensée unique“. Es ist die innere Sprachform des Irischen, die es so abtrünnig macht. Diese innere Form prägt es, isoliert es, und schützt es. Wenn ich auf Irisch schreiben will, muss ich mich sozusagen zusammenreißen. Ich muss erst die anderen Sprachen in mir zum Schweigen bringen, und in dieser Stille das Irische sprechen lassen. Nur dann sagt es, was es eigentlich zu sagen hat.

„So lernt ich traurig den verzicht:
kein ding sei, wo das wort gebricht“

heisst es bei Stefan George. Wenn man in einer Kleinsprache schreibt, muss man den Verzicht lernen. Das heißt, sich entleeren, die anderen Sprachen, die anderen Stimmen zum Schweigen bringen - und dann nicht sprechen, sondern hören. Auf die Sprache hören. Einen Dialog mit der grauen Norn der Sprache führen. Wie macht man das? Ganz einfach. Wenn ich das Irische sprechen hören will, gehe ich auf dem Lande oder am Strand in Irland spazieren. Denn dann ist es mir, als ob Land und Meer Irisch sprächen.

Der Fremde wird diese Stimme des Schweigens nicht vernehmen, auch die meisten Iren nicht, und das tut mir leid. Aber mir geht es genau gleich, wenn ich durch Westkanada wandere und kein Indianer bin, oder durch Neuseeland, ohne ein Maori zu sein. Hier spricht das Land eine Sprache, die nur diejenigen hören können, die darauf eingestimmt sind. Hier erschließt sich das Land durch eine bestimmte Sprache.

Ich bin halbwegs um die Welt gezogen, wie ein Zigeuner, und habe vieler Herren Länder gesehen und vieles erlebt und bin daraus nicht reicher geworden, außer vielleicht an Erfahrung. Aber jetzt bin ich eine Art Büßer geworden. Auf Irisch schreiben, das ist meine Buße. Wenn ich auf Irisch schreibe, lerne ich auf Luxus der Ausdrucksmöglichkeiten, Übersetzbarkeit, Bekanntheit, Zahl der Sprecher der großen Sprachen zu verzichten. Verzichten, nichts als verzichten. Aber es kommt ein Morgengrauen in Irland oder eine Abenddämmerung, die es mir gegeben ist, in den passenden gälischen Worten zu grüssen, frisch wie am ersten Tag. Die Sprache hat auf einmal durch mich gesprochen, sie hat gesagt, was sie und keine andere zu sagen hat. Und dann bin ich nicht unzufrieden. Deswegen schreibe ich auf Irisch.

Die graue Norn

Wir kennen die graue Norn aus Stefan Georges berühmtem Gedicht. Sie ist die Göttin der Sprache. Der Dichter bringt ihr etwas aus einem fernen Land und sie sucht in ihrem Born (Brunnen) um zu sehen, ob sie dafür das entsprechende Wort findet. Wenn es dafür ein Wort gibt, wird das Ding eingebürgert, wenn nicht, geht es verloren. Da wir uns an der Grenze des Vaterlandes des Dichters befinden, hat das Ding schon einen Namen in irgendeiner anderer Sprache – im Lande, aus dem es stammt. Aber es muss in der Muttersprache des Dichters nennbar sein, um für das Vaterland etwas zu taugen. 

Man könnte das alles als eine Metapher oder Allegorie für die Übersetzung nehmen. Vor allem in Europa sind wir seit langem ständig dabei, Kulturgut aus gewissen Sprachen in andere einzubinden. Meistens klappt dies und es entstehen neue, interessante Formen des Ausdrucks. Aber es ist trotzdem gut, dass gewisse Grenzen schwerer begehbar sind als andere. Denn wozu sonst sind die verschiedenen Sprachen da? 

Das mit den schwer begehbaren Grenzen habe ich selbst oft erfahren. Zwischen den europäischen Sprachen, die ich kenne, pendele ich ohne große Mühe hin und her. Was sich in der einen sagen lässt, lässt sich in den anderen auch ausdrücken. Es ist alles fast zu leicht. Als ob die Sprachen irgendwie konvergierten und einander immer ähnlicher würden, gerade weil sie alle den gleichen Inhalt auszudrücken haben. 

Gott sei Dank (denke ich mir dann), gibt es das Irische. Da ist eine Grenze, die schwierig zu begehen ist. Alles was ich, ohne viel daran zu denken, in den anderen Sprachen zu sagen und zu hören bekomme, lässt sich nicht ohne weiteres über die Grenze tragen und im Irischen sagen. Ich muss erst anhalten und mich fragen: Wie sage ich eigentlich so was? Dann muss ich meine ganze geistige Flexibilität aufbieten, um das Gesagte im Irischen wiederzugeben. Ich spüre, dass ich eine Grenze begehe. Die graue Norn ist auch dabei. Sie sitzt still vor ihrem Born und wartet, um meine Fragen orakelhaft zu beantworten. Und die Antwort ist nicht immer ja.

Es ist an der Zeit, dass wir den grauen Nornen wieder huldigen, welche die Eigenart und Einzigartigkeit einer Sprachen regieren, denn wir leben in einem Zeitalter der weltweiten, blitzschnellen Kommunikation und glauben, die Sprache sei gerade Kommunikation und bloß ein Werkzeug, mit dem man besser oder schlechter kommuniziert. Und was kommuniziert man denn eigentlich? Einen Inhalt. Aber welchen? Ja, selbstverständlich, immer den gleichen, « la pensée unique », wie gewisse Franzosen sagen, dieses globale Denken, das sich in die Floskeln hunderter Sprachen mühelos übersetzen lässt. Ich aber möchte mich für das Gegenteil einsetzen: dass jede Sprache ursprünglich und potenziell einen eigenen Inhalt besitzt, und dass es die Pflicht und das Schicksal einer jeden Sprache ist, genau diesen eigenen Inhalt in Worten auszudrücken und der Welt zu übergeben. „Die Sprache spricht“, sagte Heidegger in diesem Zusammenhang. Jede Sprache ist eine Art, eine ganz besondere Art, die Welt zu sagen; und weil wir Worte brauchen, um zu denken, ist sie auch eine besondere Art, die Welt zu denken.

Der Griechischlehrer

Ich lernte Griechisch bei einem asketischen, alten Iren. Der Jesuiten-Pater Peadar Mac Séumais war sehr ironisch. Wir Schüler fürchteten uns vor seinem Sarkasmus mehr als vor jeder anderen Strafe. Er war der anspruchsvollste Lehrer. Wenn er eine Frage stellte, erwartete er eine intelligente, gezielte Antwort. Und wenn er die nicht bekam, wurde er ironisch, ja sogar verachtend. Man wollte trotzdem sein Spiel spielen, denn man wusste –  ich wusste es zumindest – dass man das Glück hatte, von einem hervorragenden Kopf unterrichtet zu werden.

Er verstand die Aufgabe des Griechischlehrers als ein im weitesten Sinne intellektuelles Training. Ich frage mich noch heute, ob dabei die Liebe zu Griechenland oder zum klassischen Altertum eine große Rolle spielte. Die klassischen Studien waren für die Jesuiten zu einem intellektuellen Spiel geworden, aber das war nicht seine Schuld. So war es zu meiner Zeit; ich gehörte zur letzten Generation in Irland, die eine traditionelle klassische Bildung erhielt.

Wenn immer ich über die Jesuitenschulen der Vergangenheit lese, wo nur Latein gesprochen werden durfte, und über die bleibenden Kenntnisse der antiken Autoren bei den ehemaligen Schülern, die Art und Weise wie sie lateinische und griechische Dichter in ihren Schriften regelmäßig zitierten, werde ich peinlich genau daran erinnert, wie sich zu unserer Zeit die Substanz der klassischen Bildung verschlechtert hatte, und dass unser Niveau im Vergleich zu früheren Jahrhunderten miserabel war.

Einen ganzen klassischen Text haben wir, soweit ich mich erinnere, nie gelesen. Wir lasen bis zum Ende des jeweiligen Schuljahres so viel wie wir konnten. Im Griechischen fingen wir mit der Anabasis an, kamen aber kaum zur „Thalatta, Thalatta“. Dann lasen wir ungefähr die Hälfte der Iphigenie auf Tauris, uns kaum bewusst, dass es sich um ein Theaterstück handelt. Umso überraschter waren wir, als wir erfuhren, dass Goethe das Stück nachgedichtet und auf die Bühne gebracht hatte. Danach folgte ein Buch von Thukydides, das nicht schwierig zu lesen war, und schließlich eine Rede des Demosthenes, von der wir, wenn ich mich nicht irre, nicht einmal die Hälfte lasen.

Das Beste waren die Auszüge aus der Ilias und Odyssee. Die hatte der gute Pater selbst ausgewählt und auf einer Schreibmaschine mit griechischer Schrift abgetippt, sie dann vervielfältigt und verteilt. Da hatten wir es mit etwas wirklich Archaischem zu tun. Man dachte sofort an die Atmosphäre der altirischen Epen, der Fiannaíocht. Das epische Griechisch lernen zu müssen, war für mich faszinierend. Und wie der Pater die Texte vorlas! Er fand etwas Dramatisches in seiner Stimme, in seinem Herzen, um die Verse Homers vorzulesen, obwohl er die anderen griechischen Texte einer trockenen, philologischen Analyse unterzog. Ich denke immer noch an die Pest im griechischen Lager vor Troja, an Odysseus, erschöpft am Strand von Phaiakien liegend, und wie der Pater diese Episoden mit eher schwacher Stimme, aber dennoch sehr lebendig vortrug.

Damals dachte ich immer: Wie schön, dass ein so hervorragender Lehrer, der Universitätsprofessor hätte werden können, sich damit zufriedengab, Jungen zu unterrichten. Aber vielleicht war er gar nicht zufrieden. Vielleicht war er frustriert. Dies würde den ständigen Sarkasmus erklären. Wir verehrten ihn, aber es war schwer, ihn wirklich zu mögen. Er selbst zeigte uns auch nur sehr wenig Zuneigung; ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, als ich ihm frohe Weihnachten wünschte, und er meine Wünsche gütig erwiderte.

Doch Lehrer haben auch mit ihren Fehlern und Schwächen manchmal einen sehr grossen Einfluss auf junge Menschen - man vergisst sie nie. Das ist ihr Verdienst, das ist ihr Lohn.