Als ich auf Vancouver Island in Kanada wohnte , lernte ich die herrlichen Masken der Nordwestpazifikküste kennen. In der Regel verkörpert jede Maske ein Totemtier: einen Wolf, einen Bären, einen Kolkraben, einen Wal oder sonst etwas. Manchmal sieht man auch Doppelmasken: eine Maske öffnet sich wie Doppeltüren, und dahinter steckt eine zweite Maske. Diese Doppelmasken deuten auf Legenden der Indianer hin, die mit Metamorphosen zu tun haben. Ein Wolf wird in einen Wal verwandelt, oder Ähnliches. Also hinter der Maske steht eine weitere Maske. Und man fragt sich, wo das eigentliche Gesicht des Menschen ist, der die Maske trägt. Wo hören die Masken auf und wie unterscheidet man Masken vom wahren Gesicht?
Es ist ein Gemeinplatz, dass die Menschen Masken tragen, und zwar im metaphorischen Sinne: Sie wollen ihr wahres Gesicht, ihre wahre Natur, nicht preisgeben, weil die anderen es nicht akzeptieren könnten. Aber wenn ich an Masken in diesem metaphorischen Sinne denke, kehren meine Gedanken unvermeidlich zu jenen Doppelmasken der Westküstenindianer zurück. Meines Erachtens trägt der Mensch nicht nur eine Maske, sondern zwei oder mehrere; er hat Schichten, wie eine Zwiebel. Diese Zwiebel kann man sorgfältig schälen und am Ende kommt man zum eigentlichen Kern. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht ist der vermeintliche Kern ja nur eine weitere Schicht. Auf jeden Fall sind diese Masken oder Schichten kulturbedingt, geprägt von der eigenen Kultur oder aber von anderen Kulturen, mit denen man im Laufe seines Lebens zu tun hat.
Wir Iren haben mehrere solche kulturbedingte Schichten. Von der Oberfläche habe ich schon gesprochen: Das ist die gewöhnliche irische Maske, die Rolle der „Sieben“ im Enneagramm, des gut gelaunten Spaßvogels, der gerne sein Bier trinkt und Witze erzählt. Und das ist der Eindruck, den der deutsche Besucher in Irland meistens gewinnt.
Aber wir sind nicht immer lustig. Wir haben auch unsere melancholische, düstere Seite. Ich erkenne dieses Element im Fado der Portugiesen. Auch wir haben, weiß Gott, genug traurige Lieder. Vielleicht hat das mit der Nähe zum Atlantik zu tun. Auf dieser Ebene hört man keine Witze mehr. Das ist eine zweite Schicht.
Gehen wir tiefer. Manchmal spüren wir Iren deutlich unsere ethnische Identität. Vor allem wenn wir unter uns sind und emotional werden, etwa wenn wir irische Musik hören, kommt eine weitere Schicht zum Vorschein. Dann ist Irischsein für uns das Wichtigste, wir spüren die Last der Geschichte, wir meinen, wir können nichts anderes sein, als das, was wir sind. Und wir grübeln über die Ungerechtigkeiten der Vergangenheit, wie die Griechen es auch gerne tun.
Gehen wir noch tiefer. Sprache ist ein wesentlicher Faktor. Das ist schwierig zu erkennen, denn die meisten Iren sprechen kein Irisch mehr. Aber eine ganze tiefe Schicht von uns, die gälische Schicht, ist in Irisch kodiert, und die Ausländer bekommen das kaum zu spüren. Englischsprachige Iren sind davon zwangsläufig entfremdet, obwohl sie nicht gerne zugeben, dass es einen Teil von ihrem Irischsein gibt, zu dem sie keinen Zugang mehr haben. Aber tiefe Schichten im Menschen können unter der Schwelle des Bewusstseins liegen, und tatsächlich ist es so bei den Iren.
Da stehe ich also vor Euch, mit Maske und Schichten. Bitte klopft mir nicht auf die Schulter und brüllt nicht einfach: „Where are you from?“. Zeigt ein bisschen Respekt! Auch Ihr habt Eure Abgründe. Oder?