Weihnachten im alten Imperium

Wenn es je echte irische Weihnachten gegeben hat, ist alles längst verschwunden. Unsere Weihnachtsbräuche, ausser den religiösen, stammen aus England. Auch in der Ferne bleibe ich diesen Bräuchen meiner Kindheit treu. Bei meiner Freundin koche ich einen Truthahn mit einer Füllung aus Brot und Zwiebeln, und einen Schinken. Dazu gibt es Bratkartoffeln, Rosenkohl und Truthahnsoße. Zum Dessert mache ich ein englisches Trifle mit Custard, Erdbeeren-Gelée, Schlagsahne und Mandarinen. Danach trinken wir Tee. Das klingt freilich alles sehr englisch. Und es ist auch englisch. Darin gibt es nichts Irisches. Jedes Jahr an Weihnachten muss ich mir selbst und unsern Gästen eingestehen, dass wir Iren ein Teil des alten britischen Imperiums sind und bleiben. Zumindest kulturell.

Zu Weihnachten bei meiner Freundin sind auch tamilische Verwandte und Freunde dabei. Für diejenigen, die die Deutschschweiz nicht kennen, muss ich hier erklären, dass in den Jahren des Bürgerkriegs eine grosse Anzahl Tamilen aus Sri Lanka in die Schweiz geflohen sind. Sie sind inzwischen zu einem festen Bestandteil der Bevölkerung geworden. Für sie sind Truthahn und Trifle am Weihnachtstisch ebenso exotisch wie für meine schweizerische Freundin, wenn nicht sogar noch exotischer. Doch auch diese Tamilen stammen aus dem alten britischen Imperium und haben etwas mit mir gemeinsam.

Genau wie die Iren haben sie einiges von den Kolonialherren übernommen. Fruit cake. Sherry und Portwein. Whiskey. Einer der Tamilen wollte mir eine Flasche Whiskey schenken, doch ich lehnte dankend ab, denn ich trinke keinen Whiskey. Da hat er nur gestaunt. Whiskey tranken die Briten immer in ihren Clubs in der Ferne, in Rattan-Lehnstühlen sitzend, unter grossen brummenden Ventilatoren. Und die Sri Lanker trinken weiterhin Whiskey, wenn sie es sich leisten können.

Sri Lanka kann man leicht mit Irland vergleichen: eine smaragdgrüne Insel in einem blauen Ozean, nahe einem Festland, doch mit eigenem Charakter. Ein gespaltenes Land mit zwei feindlichen Identitäten, aber dieses Thema werden wir vielleicht ein andermal besprechen. Ferner sind wir beide, wie gesagt, ehemalige Untertanen des britischen Imperiums.

Für die srilankischen Tamilen ist eines klar: Die Geschichte hat 1948 aufgehört. Das ist das Jahr, in dem die Engländer wegzogen und das damalige Ceylon in die Unabhängigkeit und in nie aufhörende ethnische Konflikte entließen. Geht man in ein tamilisches Haus irgendwo auf der Welt (die Diaspora ist weit verstreut), sieht man altmodische Möbel und Wohnaccessoires im englischen Stil, als ob die Kolonialherren immer noch regierten.

Für die Engländer waren die Tamilen nichts, und wir Iren waren für sie auch nichts, nicht besser als dunkelhäutige Inder. Aber wir sind ebenso anglophil geblieben wie die Inder. Das dürfen wir nicht offen zugeben, weil die Engländer auch unsere Erbfeinde sind.

Die Engländer verachteten ihre exotischen Untertanen instinktiv, wie alle Kolonialherren. Aber auch sie sind nicht davongekommen, ohne Federn zu lassen, ich meine, ohne von den Untertanen beeinflusst zu werden. Auch sie essen gerne Curry, freilich nicht so scharf gewürzt wie bei den Indern. Auch sie mögen irische Stars im Fernsehen und im Rundfunk gerne und finden diese charmant. Schließlich gehören wir ja alle zum gleichen Club.

Ich stehe vor dem festlich gedeckten Tisch und hebe mein Glas unter den Sri Lankern. „Gentlemen“, sage ich, „auf England!“

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