Rotkehlchen und Zaunkönig

Der Stephanstag (26. Dezember) ist ein wichtiger Tag in Irland, ein Tag für Hausbesuche bei Freunden und Verwandten. Man vergesse nicht, dass Weihnachten in Irland vor allem am Weihnachtstag gefeiert wird, nicht an Heiligabend. Am Weihnachtstag bleiben die Menschen meistens zu Hause unter sich und gehen erst am Stephanstag zu Besuch. Hierzu etwas Ornithologisches über die „Weihnachtsvögel“ in der irischen Tradition –diesmal geht es nicht um den Truthahn.

Es ist bekannt, dass das Rotkehlchen (erithacus rubecula) in den angelsächsischen Ländern ein Weihnachts-Symbol ist. Dieses scheint eigentlich vom keltischen Einfluss zu stammen. Ein weiterer Vogel, der mit Weihnachten verbunden ist, ist der Zaunkönig (troglodytes troglodytes). Er ist ein wichtiger Bestandteil des irischen Stephanstag-Brauches.

Der Zaunkönig ist der Schalk unter den Vögeln. Es wird erzählt, dass die Vögel einen König erkiesen wollten. Derjenige, der am höchsten fliegen konnte, durfte der König sein. Der Adler flog hoch über den anderen, und schrie stolz: „Is mise Rí na nÉan!“, d.h. „Ich bin der König der Vögel“. Aber sofort kam eine kleine piepsende Stimme von noch weiter oben: „Is MISE Rí na nÉan!“ Es war der Zaunkönig, der sich auf dem Rücken des Adlers positioniert hatte. Seither heisst der Zaunkönig laut irischer Tradition „Rí na nÉan“, obwohl er der kleinste aller Vögel ist. Es ist interessant, dass auch im Deutschen der Zaunkönig ein König ist. Diesbezüglich eine weitere Bemerkung: Der Zaunkönig ist eigentlich nicht der kleinste aller Vögel. Der kleinste Vogel Europas ist das Wintergoldhähnchen. Sein lateinischer Name ist regulus regulus, also der kleine König. Die Ursache ist klar: der Vogel trägt eine kleine goldene „Krone“ auf dem Kopf. Es kann sein, dass diese zwei ähnlichen Arten im Laufe der Zeit miteinander verwechselt wurden.

Am Stephanstag auf dem Lande in Irland erscheinen „Lucht an Dreoilín“ oder „Wren Boys“. Das sind Gruppen von vermummten jungen Männern oder Buben, die heischend von Haus zu Haus ziehen. Sie singen Lieder vor der Haustür, werden hereingelassen und mit Speis und Trank bewirtet, dann kann es auch Musik und Tanz geben. Die „Wren Boys“ tragen ein Stück Gebüsch bei sich, in dem sich ein Zaunkönig befindet. Gemäss altem Brauch wurde der Zaunkönig an Heiligabend rituell gejagt und getötet. Heutzutage ist der Zaunkönig im Gebüsch meistens ein künstlicher Vogel aus Stoffresten.

Warum dieser Brauch? Der Zaunkönig ist der Geist des alten Jahres, und das Rotkehlchen ist der Geist des neuen Jahres. Das alte Jahr muss sterben, bevor das neue Jahr Einzug hält. Das Rotkehlchen tötet immer seinen Vorgänger; es hat ja rot (Blut) auf der Brust.

In Wexford gibt es einen verwandten Brauch, das „Mummers‘ play“ (Mummenspiel), an Neujahr. In diesem Spiel findet der Zweikampf zweier Könige statt: Der König des alten Jahres und der König des neuen Jahres kämpfen mit hölzernen Schwertern, und der König des alten Jahres stirbt. Mummenspiele sind nicht wirklich irisch, sondern eigentlich englisch. Der englische Einfluss ist in Wexford seit dem Mittelalter stark.

Anscheinend war der vorchristliche keltische Brauch des Zaunkönigs früher auch auf der Insel Man und sogar in England zu beobachten, aber nur in Irland blieb er bis heute erhalten. Allerdings nur auf dem Lande. Ich bin in Dublin aufgewachsen und habe das nie „live“ erlebt. Als Kind wohnte ich in Finglas, einer neuen Vorstadt der Nachkriegszeit. Mein Vater erzählte, er habe in den 1950er-Jahren dort „Wren Boys“ am Stephanstag unterwegs gesehen, aber mit dem Wechsel von ländlichen zu städtischen Verhältnissen sei der Brauch ausgestorben.

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