Goethe als Irland-Fan

Es ist bekannt, dass der junge Goethe wie viele seiner Zeitgenossen für MacPhersons Ossian schwärmte. Dies zeigt sich vor allem in seinem Roman Werther, in dessen zweitem Teil wir erfahren, dass Werther nicht mehr Homer liest, sondern Ossian:

„Ossian hat in meinem Herzen den Homer verdrängt. Welch eine Welt, in die der Herrliche mich führt! Zu wandern über die Heide, umsaust vom Sturmwinde, der in dampfenden Nebeln die Geister im dämmernden Lichte des Mondes hinführt. Zu hören vom Gebirge her im Gebrülle des Waldstroms halb verwehtes Ächzen der Geister aus ihren Höhlen.“

Die Frage, inwieweit diese Darstellung Goethes eigenes Denken wiedergibt, bleibt offen. Doch es ist nicht zu leugnen, dass die ossianische Welt auf den jungen Schriftsteller eine Faszination ausübte und er versuchte, sich in die gälische Sprache und Literatur Schottlands und Irlands einzuweihen, obwohl er darüber fast nichts wusste und keinen Lehrer fand.

Um sich gegen Vorwürfe in Schottland und England zu verteidigen, er habe sein angebliches gälisches Epos frei erfunden, veröffentlichte MacPherson ein „Specimen“, einen kurzen Text im Gälischen, den er in seinem Ossian ins Englische übersetzt hatte. Damit wurde den meisten Lesern freilich nicht besonders geholfen, da ausserhalb des schottischen Hochlands und Irlands nur wenige die gälische Sprache überhaupt verstanden. Das war genau MacPhersons Art von Bluff. Er wusste mit ziemlicher Sicherheit, dass kein gälischer Sprachgelehrte da war, der seinen etwas kreativen Umgang mit dem volkstümlichen Material beurteilen konnte.

Der 22jährige Goethe, der die neueste englische Ausgabe aus seines Vaters Bibliothek in Frankfurt hatte ausleihen können, wusste wenigstens, dass das schottische Gälisch mit dem Irischen nah verwandt war. Er war auf irische Quellen angewiesen, denn über das Schottisch-Gälische gab es damals fast nichts. Er besorgte sich das irische Wörterbuch und Grammatik von Bischof John O’Brien[1], das kurz zuvor erschienen war.

Ein paar Grammatiken und Wörterbücher des Irisch-Gälischen wurden schon im 18. Jahrhundert veröffentlicht, und zwar von irischen Priestern im Exil. Die Verfolgung der katholischen Kirche, der Kirche der irischen Mehrheit, durch die englische Herrschaft im 17. und im 18. Jahrhundert hatte zumindest den positiven Effekt, dass die Priester im Exil die Sprache pflegten. Ein Beispiel dafür ist Bischof O’Brien, der in Paris tätig war und ein Wörterbuch der irischen Sprache mit einem grammatischen Anhang veröffentlichte. In diesem Buch und in Lhuyd’s Archaeologica Britannica schlug Goethe nach, als er versuchte, das gälische „Specimen“ MacPhersons für sich ins Deutsche zu übersetzen. Im September 1771 berichtete Goethe seinem Freund Herder in einem langen Brief über seine Nachforschungen der irischen Sprache. [2]

Viel später, im 19. Jahrhundert, hat sich eine Keltologie, ein Studium der keltischen Sprachen innerhalb der indogermanischen Großfamilie, herausgebildet. Das aber war in den 1760er-Jahren noch Zukunftsmusik. Goethe konnte seiner Faszination für das Keltische nicht weiter nachgehen. Wenn er einen Lehrer oder wenigstens eine adäquate Bibliothek gehabt hätte, hätte seine literarische Karriere vielleicht eine andere Richtung genommen. Statt einer italienischen Reise hätte es vielleicht eine irische gegeben …

 

[1] O’Brien, J., Focaloir gaoidhilge-sax-bhearla, or An Irish-English dictionary. Paris, printed by Nicolas-Francis Valleyre, for the author, 1768.

 [2] Ó Dochartaigh, Caitríona: „Goethe’s Translation from the Gaelic Ossian“: in: H. Gaskill (ed.): The Reception of Ossian in Europe, Thoemmes, London 2004.
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