Die christlichen Brüder, die keine waren

Die christlichen Brüder (Christian Brothers, Bráithre Críostaí) sind ein Orden, der 1844 von Eamonn Ignatius Rice in Cork begründet wurde. Seitdem hat dieser Orden die irische Bildungslandschaft tief geprägt. Die Brüder waren hauptsächlich Lehrer, und gründeten Sekundarschulen, die Jungen gratis oder billig unterrichteten. Ihre Schüler waren nicht die Wohlhabenden, sondern vor allem Kleinbürger.

Die Brüder waren immer nationalistisch gesinnt. Im Gegensatz zu den Eliteschulen, wie die der Jesuiten, welche die englischen Privatschulen bewusst nachahmten und englische Sportarten wie Rugby pflegten, förderten die christlichen Brüder die irischen Sportarten, gälischen Fußball und Hurling. Sie waren auch sehr tüchtige Lehrer der irischen Sprache. Immer wieder haben sie ausgezeichnete Schulbücher auf Irisch verfasst und veröffentlicht.

Sie hatten aber auch eine Schattenseite, und heutzutage weiß man, wie groß diese Schattenseite eigentlich war. Doch diese war nie wirklich ein Geheimnis. Die Brüder waren berühmt für ihre Härte und Grausamkeit. Sie waren, wie man nicht ohne eine gewisse Bewunderung sagte, „tough“. Das bedeutete, dass nicht nur rituelle körperliche Strafen zum Schulleben gehörten, wie fast überall damals, sondern auch spontane, sogar spektakuläre. Es war gang und gäbe, dass der Bruder im Klassenzimmer Fehler, Dummheiten und schlechtes Benehmen seitens der Schüler mit Ohrfeigen oder Schlägen bestrafte.

Mein Großvater wurde bei den Brüdern zur Schule geschickt. Sein Leben lang war er taub auf einem Ohr, und er behauptete immer, es sei wegen eines Schlags von einem christlichen Bruder. Nichtsdestotrotz schickte er seine eigenen Söhne zu den Brüdern, und sie erhielten die gleiche Behandlung. Mein Vater wurde oft von Brüdern geschlagen. Einmal, erzählte er, hatte ein Bruder ihm ohne Grund in die Fresse gehauen, sodass er aus der Nase blutete.

Sein älterer Bruder, Onkel Paddy, wehrte sich. Eines Tages, als der Bruder im Klassenzimmer einen Jungen prügelte, sagte Paddy seinem Banknachbarn „helfen wir ihm“, und sie gingen los und verprügelten den Bruder. Wegen dieser Heldentat wurde Paddy zwei Tage vom Unterricht ausgeschlossen. Doch der Bruder hat nie wieder einen Jungen in der Klasse geschlagen.

Es gab viel Schlimmeres. In den letzten Jahren wurde allgemein bekannt, nicht nur dass christliche Brüder in den anderen Anstalten, die sie führten, Waisenhäuser und Erziehungsheime für junge Delinquenten, die Jungen verprügelten und quälten, sondern dass auch sexuelle Übergriffe nicht selten waren. Man spricht jetzt von einem Archipel Gulag in Irland, einem Netzwerk von solchen Strafanstalten, in denen die Brüder und gewisse andere Ordensleute schalteten und walteten.

Ich gehörte einer jüngeren Generation an und lebte in einer anderen Welt. Als Schüler war ich bei den Jesuiten. Wir wussten von der sprichwörtlichen Grausamkeit der christlichen Brüder, betrachteten diese aber als Witz. Den Opfern, die es damals noch gab, wurde damit nicht besonders geholfen, muss ich jetzt zugeben.

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