Großvaters Heldentaten (1)

Mein Großvater hiess mit Vornamen James, wurde aber von allen „Jem“ genannt. Wenn mein Vater und meine Onkel über Großvater sprachen, natürlich nicht in seiner Anwesenheit, nannten sie ihn „Jem“. Als Junge kam es mir komisch vor,  dass Söhne ihren Vater mit einer Art Spitzname benannten. Für mich galten Spitznamen nur Lehrern. Aber ich ahnte, dass man im viktorianischen Zeitalter eine etwas andere Beziehung zu seinem Vater hatte. Denn eigentlich stammte mein Großvater ja aus jener Zeit.

Alle in der Familie wussten, wie alt mein Großvater war, denn als Greis erinnerte er seine Söhne und Schwiegertöchter immer wieder daran: „Denkt zurück an die Phoenix-Park-Morde, dann habt ihr mein Alter.“

Er wurde 1882 geboren, und in jenem Jahr fand ein schockierendes Ereignis statt. Eines Tages im Mai gingen der frisch ernannte englische Staatssekretär für Irland und sein Untersekretär im Phoenix Park in Dublin spazieren. Beide wurden von irischen Nationalisten mit Messern niedergestochen. Bei diesen Nationalisten ging es um ein kleines Terror-Kommando, eine Art damalige RAF, das sich „The Invincibles“, also die Unbesiegbaren, nannte. Sie wurden von den Briten verhaftet und gehängt und wurden bald zu patriotischen Märtyrern. Mein Großvater lebte also von Anfang an in bewegten Zeiten.

Eines Tages im Jahre 1905, also als junger Mann von 23 Jahren, befand sich Großvater auf der Brücke von Jones’s Road über dem Königlichen Kanal in Dublin, unweit seines Elternhauses in St James’s Avenue. Er sah einen Mann ins Wasser fallen oder springen – es ist mir nicht klar, ob es sich um einen Unfall handelte, oder ob der Unglückliche sich umbringen wollte. Auf jeden Fall zögerte Jem nicht. Er zog rasch seinen Mantel aus, sprang von der Brücke ins Wasser, rettete den Ertrinkenden und brachte ihn ans Ufer.

Wegen dieser Heldentat wurde Jem in das Mansion House, die Residenz des Oberbürgermeisters von Dublin, eingeladen, wo er von diesem eine Medaille „für Tapferkeit“ erhielt.

Jem war sicher ein tapferer junger Mann, der Herausforderungen gerne mit Frontalangriffen anpackte. Dieser Charakterzug zeigte sich auch bei seiner Ehe. Seine Geliebte, Madeleine, sagte ihm: „Mein Vater ist altmodisch. Er erwartet, dass Du ihn um meine Hand bittest.“ Jem machte seine Aufwartung beim Vater. Der Vater aber steigerte sich in die Rolle hinein und fragte: „Wieviel verdienen Sie?“ „Verdammt nochmal, das sage ich Ihnen nicht“ erwiderte Jem entrüstet. „Gut“ sagte der Vater zornig, „ich gebe meine Zusage nicht.“ In der folgenden Nacht kam Jem mit einer Leiter zum Fenster seiner Geliebten; sie brannten durch und heirateten ohne den väterlichen Segen.

Bald danach brach der erste Weltkrieg aus. Jem war inzwischen zum irischen Nationalisten geworden und diente, wie man damals sagte, „weder dem König noch dem Kaiser“. Dann aber fand der Oster-Aufstand von 1916 mit geschmuggelten deutschen Waffen statt, der von den Engländern mit großem Sachschaden in Dublin niedergeschlagen wurde. Wie Yeats damals in einem Gedicht schrieb: „All is changed, changed utterly – a terrible beauty is born“. Auch Jem, inzwischen Familienvater geworden, konnte den Ereignissen der kommenden Jahre nicht fernbleiben.

 

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