Großvaters Heldentaten (2)

Nach dem Niederschlag des Osteraufstandes begann der irische Freiheitskrieg, ein eigentlicher Guerrilla-Kampf in Dublin und auf dem Lande, der im Jahre 1920 seinen Höhepunkt erreichte.

In diesem Jahr geschah der sogenannte „blutige Sonntag“, den ich in einem anderen Text beschrieben habe. Nach diesem Ereignis hatte Michael Collins, der militärische Anführer der Rebellen, seinen Leuten gesagt, sie sollen vorläufig untertauchen, denn es seien große Fahndungsaktionen von den Engländern geplant.

Der Schwager von Großvaters Frau war ein Rebell, ein sogenannter „gunman“. Er musste sein Haus verlassen und fand bei seiner Schwägerin Unterschlupf. Er war auch einige Zeit bei Urgroßmutter in St James’s Avenue, die schon einen englischen Deserteur auf ihrem Dachboden versteckte (dieser hat später in die Familie eingeheiratet).

Großvater Jem, damals 38 und Vater von 4 Kindern, war selber nicht in den Krieg involviert, aber er sammelte Geld für Witwen und Waisen der gefallenen und eingesperrten Freiheitskämpfer. Sein Name muss auf irgendeiner Liste gestanden haben, die die Engländer während ihrer Fahndungen gefunden hatten. Denn eines Nachts kamen sie und machten eine Razzia. Aus einem der oberen Fenster sahen Jem und die Familienmitglieder die motorisierten Lastwagen mit bewaffneten Soldaten in die Straße fahren und vor ihrer Türe anhalten.

„Es sind die Tommies, nicht die Black and Tans!“ hieß es dann mit einer gewissen Erleichterung. Das war eben ein wichtiger Unterschied. Die Tommies waren die regulären britischen Armeesoldaten, die sich meistens korrekt benahmen, die Black and Tans dagegen waren gefürchtete Spezialeinheiten, die als besonders gewalttätig galten und bei ihren Razzien Möbel zerschmetterten. Sie hießen Black and Tans, weil sie als Uniform eine Mischung aus schwarzen Polizeijacken und khakifarbenen Militärhosen trugen.

Die Tommies kamen also zur Haustür und klopften, bis Jem öffnete. Dann durchsuchten sie das Haus. Mein Vater war damals zwei Jahre alt und ziemlich erschrocken. Seine Mutter nahm ihn zu sich ins Bett und sang ihm ein Lied vor. Die Familienlegende präzisiert sogar, um welches Lied es handelte: „I‘m forever blowing bubbles“, ein amerikanischer Hit aus dem Jahre 1918. Unterdessen zwangen die Tommies Großvater, in seinem Pyjama im Garten vor dem Haus zu stehen, und bedrohten ihn mit ihren Gewehren, während andere den Rasen aushoben; sie suchten nach Waffen und Munition. Da sie nichts fanden, fuhren sie schließlich wieder weg.

Stumm setzten sich die Familienmitglieder zu einer Tasse Tee an den Küchentisch. Plötzlich eröffnete jemand das Feuer auf der Strasse. „Aha“ meinte Großvater, „die Tommies sind in einen Hinterhalt geraten. Geschieht ihnen recht.“ Kurz darauf kam eine Kugel durch das Fenster geschossen und schlug in die Wand über ihren Köpfen ein. Alle suchten Schutz unter dem Tisch. Doch dann wurde alles wieder ruhig und sie konnten ins Bett.

Nach diesem Ereignis war Großvater nationalistischer gesinnt denn je. Denn er konnte es nicht verzeihen, dass er im Pyjama mitten in der Nacht vor seiner Haustür zwischen bewaffneten englischen Soldaten hatte stehen müssen. Zwei Jahre später wurde der irische Freistaat ausgerufen.

 

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