Calgach, der edle Barbar

Die Stadt Derry heißt auf Irisch Doire, oder genauer Doire Cholmcille. Dieser Name bedeutet Eichenhain des Colmcille. Colmcille oder Columba war ein Heiliger im 6. Jahrhundert, der das Kloster bei Derry gründete. Später ging er ins Exil und gründete das Kloster von Iona in Schottland. Der Ortsname Doire soll auf einen heiligen Eichenhain der Druiden (Draoithe – Eichenpriester?) hinweisen, der seit der Antike dort stand. Colmcille gründete sein Kloster, ohne die alten Eichen zu fällen, was ein eifriger Christ vielleicht getan hätte; der Heilige, auch als Dichter berühmt, stammte von einer alten bardischen Familie ab, also einer ursprünglich druidischen, und es ist daher verständlich, dass er dem früheren genius loci mit einer gewissen Pietät begegnete.

Colmcille war nicht der erste Siedler. Noch früher hieß der Ort Doire Chalgaigh, also Eichenhain des Calgach. Aber wer war dieser Calgach? Vermutlich ein vorchristlicher Herrscher. Ein gelehrter Bischof von Derry im 19. Jahrhundert, John Keyes O’Doherty, identifizierte diesen Calgach mit Calgacus in Tacitus‘ Agricola. Diese Gleichsetzung kann man nicht beweisen, doch der Einfall des Bischofs wurde in der Stadt mit allgemeiner Akzeptanz begrüßt.

Tacitus erzählt, wie sein Schwiegervater Agricola, der unter dem Kaiser Domitian Feldherr in Britannien war, in Caledonia (Schottland) mit mehreren Legionen einmarschierte mit dem Ziel, das unbekannte Land zu erforschen und womöglich zu unterwerfen. Gleichzeitig schickte er eine Flotte die Küste entlang. Die Kaledonier verbündeten sich, um die Invasion zu bekämpfen. Wir wissen nicht genau, was für Stämme das waren, ob gälisch- oder britannischsprachige Kelten oder vorkeltische Ureinwohner, die sogenannten Picti („Bemalten“), oder beides; Tacitus weiß uns wenig zu berichten.

Er erzählt aber, dass der Anführer des einheimischen Widerstandes eine hervorragende Gestalt namens Calgacus war (inter pluris duces virtute et genere praestans nomine Calgacus). Vor der großen Schlacht beim Mons Graupius (einem unbekannten Ort) hielt Calgacus vor seinen Truppen eine berühmte Rede. Er sagte, um diese zu ermutigen: „Hier am Rande der Erde, uns letzte Söhne der Freiheit hat gerade unsere Entlegenheit und Verborgenheit von der Welt bis zum heutigen Tage verteidigt.“ Dann äußerte er sich verachtend über die Herrschsucht der Römer: „Stehlen, Morden, Rauben heißen sie mit falscher Bezeichnung ‚Herrschaft‘, und wo sie Einöde schaffen, nennen sie das ,Frieden‘.“*

Die Rede des Calgacus ist beeindruckend. Natürlich hat sie Tacitus als rhetorische Übung frei erfunden. Doch es geht sicher um Gedanken, die ein keltischer Widerstandskämpfer unter diesen Umständen ausdrücken würde. Tacitus, obwohl er Agricola als großen Römer bewundert, schätzt die persönlichen Eigenschaften der edlen Barbaren, wie er sie auch in seiner Germania schätzt.

Laut Tacitus verloren die Kaledonier schließlich die Schlacht, doch es ist wahrscheinlich, dass Calgacus und seine Krieger einfach in die Wälder verschwanden und in einen Guerilla-Krieg übergingen. Agricola zog weiter nordwärts, wie weit wissen wir nicht, doch endlich machte er kehrt und marschierte zurück in sein Hauptquartier. Caledonia wurde nicht besetzt, und seine Invasion hatte keine permanente Wirkung. Seine Flotte aber umsegelte das Land und konnte dadurch wenigstens bestätigen, dass Britannien eine Insel war.

Von Calgacus, Calgach, hören wir nichts mehr. Vielleicht reiste er, als die Römer wieder verschwunden waren, nach Derry und liess sich neben dem ruhigen Eichenhain nieder …


* Lat. Text und deutsche Übersetzung aus: Publius Cornelius Tacitus, Agricola. Lateinisch und deutsch. Übersetzt, erläutert und mit einem Vorwort herausgegeben von Robert Feger, Stuttgart 1973, S. 44 – 49.

 

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