Saussure als Keltologe

Vor genau 100 Jahren, am 22. Februar 1913, starb Ferdinand de Saussure, der Begründer der modernen Linguistik.

Es ist interessant, einen Blick auf seinen Ursprung in Genf und seine Studentenzeit in Deutschland zu werfen, denn da stellt sich heraus, dass die keltischen Sprachen in seinem Werdegang eine beträchtliche Rolle gespielt haben. Saussure stammte aus einer bekannten Genfer Patrizierfamilie, einer Familie von Wissenschaftlern und Erfindern. Der junge Ferdinand versuchte, als erstes Naturwissenschaften zu studieren, doch ohne Erfolg. Aber die Saussures hatten einen Familienfreund, Adolphe Pictet, der Sprachwissenschaftler war.

In seiner Jugendzeit war Pictet plötzlich berühmt geworden, als er die Verwandtschaft der keltischen Sprachen mit dem indogermanischen Sprachstamm entdeckte. Er hatte sich zuerst für Ossian interessiert und ging nach Schottland auf Studienreise. Dort lernte er Gälisch und andere keltische Sprachen, und stellte fest, dass diese Sprachen mit dem Indogermanischen verwandt sind. Er veröffentlichte ein kurzes Buch zu diesem Thema.

Pictet war von Hirngespinsten nicht ganz frei. Er glaubte zum Beispiel, dass das System der Konsonantenmutation im Keltischen ein Ausdruck der Religion der Druiden war. Trotzdem wirkte seine Analyse wie eine Offenbarung, und 1836 erhielt er einen Preis vom Institut in Paris. Im nächsten Jahr nahm Bopp die Befunde in seine eigene Berliner Vorlesung Über die celtischen Sprachen auf.

Adolphe Pictet ging zurück nach Genf und erhielt eine Lehrstelle an der dortigen Akademie (damals noch nicht Universität). Er hatte inzwischen ein zweibändiges Buch geschrieben, Les Aryas, über die Arier, das indogermanische Urvolk. Seine sprachwissenschaftlich basierten Hypothesen über die Arier waren auch ein Hirngespinst, aber ein harmloses; er konnte nicht wissen, was ein anderer Adolf später daraus machen würde.

Der junge Ferdinand de Saussure las dieses Buch im Alter von 16 Jahren und war begeistert. Schließlich beschloss er, Sprachwissenschaft zu studieren. Er ging nach Leipzig, studierte dort bei Ernst Windisch und lernte Altirisch. Sein irisches Notizbuch ist in Genf erhalten geblieben*. Einer seiner damaligen Kommilitonen war Rudolf Thurneysen; beide Studenten gingen später nach Berlin, wo sie bei Heinrich Zimmer weiterhin Keltisch studierten.

Nach seiner Berliner Promotion weilte Saussure einige Zeit in Paris, doch es zog ihn zurück nach Genf, und dort erhielt er schließlich eine Professur an der neuen Universität. Im Vergleich zu Berlin und Paris befand sich Genf am Rande der gelehrten Welt. Saussure geriet langsam in Vergessenheit.

Trotzdem dachte und arbeitete er weiter in dieser relativen Einsamkeit. Seine Ideen waren völlig neu. Er träumte von einer allgemeinen Linguistik, die nicht die Geschichte des Indogermanischen erforschen würde, sondern alle Sprachen, wie sie von Sprechern im Alltag gebraucht werden. Er sah ein, dass jede Sprache eine eigene Struktur hat.

Als Saussure 1913 starb, hatte er nichts von seinen Forschungsergebnissen veröffentlicht. Er schreibe nicht gerne, gestand er einmal. Eine Gruppe von Genfer Studenten stellte die Notizen aus Saussures Vorlesungen zusammen und redigierte unter dessen Namen postum ein Buch mit dem Titel Cours de linguistique générale. Das kleine Buch ging in die Geschichte ein und zeigte eine enorme Wirkung, nicht nur in der Linguistik, sondern in allen Wissenschaften, die sich mit dem Menschen befassen.

*Ahlqvist (Anders): „Notes on Saussure’s Old Irish copybook“: in: Emergence of the modern language sciences 1 (1999), S. 160-186.

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