Das fahrende Volk

Ich habe in einem früheren Text erwähnt, wie wichtig die Kesselflicker für die irische Musik sind und waren. Die Kesselflicker sind, wie gesagt, keine Zigeuner vom ethnischen Standpunkt her, sie sind weder Sinti, noch Roma, noch Jenische. Sie sind einfach irisch. Doch sie sind trotzdem etwas anders als die Mehrheit; das kann man nicht leugnen.

Ich erinnere mich an sie in der alten Zeit, in den 1950er und 1960er Jahren, als sie noch mit bunt bemalten, von Pferden gezogenen Wohnwagen umherzogen. Wenige waren sesshaft damals, und diese großen Gruppen lagerten auf unbewohnten oder unbenutzten Grundstücken am Rande der Straßen, auf dem Lande aber auch in der Stadt, wenigstens in den Vorstädten, wo sie fast nie gern gesehen wurden. Später wurden die Wohnwagen durch moderne Wohnmobile und Autos ersetzt, ansonsten ging die traditionelle Lebensweise weiter. Sie handelten immer mit Pferden. Sie handelten auch mit Schrott. Jetzt reparieren und verkaufen sie alte Autos. Ob sie immer noch Kessel flicken, weiß ich nicht. Viele Fahrende sind inzwischen sesshaft geworden, obwohl es ihnen immer noch schwerfällt, sich der normalen Wirtschaft anzupassen.

Jetzt redet man darüber, das fahrende Volk in Irland als ethnische Minderheit anzuerkennen. Ich weiss nicht, ob das nicht nur eine leere Geste wäre, der politischen Korrektheit wegen. Doch  wenigstens gibt es jetzt eine offene Diskussion zu diesem heiklen Thema.

Die Kesselflicker sind die Omega-Tiere der irischen Gesellschaft. Sie wissen ja, wie es in einem Wolfsrudel zu und her geht. Ein Alpha-Tier beherrscht das Spiel, die anderen fügen sich. Aber das Omega-Tier steht am Rande. Es wird im Rudel kaum geduldet. Es muss stehlen und tricksen, um essen zu können. Jede Gesellschaft hat ihre Omega-Tiere. In Kanada ist mir immer aufgefallen, wie ähnlich sich unsere Kesselflicker und die Indianer sind: Sie haben die gleiche Körpersprache, die gleiche Art von schäbiger Kleidung, die gleichen armseligen Lebensverhältnisse.

Irische Kesselflicker haben eine archaische Familienstruktur mit großen Clans. Sie haben arrangierte Ehen, mit meistens sehr jungen Brautpaaren. Die Kesselflicker sind berühmt für ihre großen Beerdigungen und Hochzeitsfeiern. Und wo man Clans hat, herrschen auch Fehden. Mit genügend hohem Alkoholkonsum bricht die Fehde wieder aus, das Brautpaar bzw. der Tote im Sarg wird vergessen, Männer und sogar Frauen gehen aufeinander los und es kommt zu spektakulären Schlägereien, wenn nicht gar zu Messerstechereien.

Doch die heutigen Kesselflicker sind, was die Mehrheit der Iren im 19. Jahrhundert waren. Arrangierte Ehen gab es bei uns auf dem Lande bis in die 1960er-Jahre. Die Familien waren größer und mächtiger als heute. Im 19. Jahrhundert waren irische Beerdigungen und Hochzeiten ziemlich wilde Anlässe, und Schlägereien an Jahrmärkten wie Donnybrook Fair bei Dublin zwischen mit Schwarzdornknüppeln (Shillelaghs) bewaffneten Bauern sind legendär geworden. Und was den Alkoholkonsum betrifft, na ja, da sind die Iren nicht gerade ohne Makel. Kurz und gut, die Kesselflicker sind nur sehr traditionsgebunden, sie haben sich nicht modernisieren lassen wie wir anderen. Gerade deswegen sind sie die Verlierer in der heutigen irischen Gesellschaft.

Vielleicht würde es ihnen Vorteile bringen, wenn sie als ethnische Minderheit anerkannt würden. Doch eine solche Anerkennung durch den Staat würde es uns Iren allzu einfach machen, sie als Exoten zu betrachten, obwohl sie ein Teil von uns selbst sind.

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Eine Antwort zu “Das fahrende Volk

  1. Meines Wissens ist die Analphabeten-Rate unter den Kesselflickern extrem hoch; ich schätze mal, das auch dies ein Grund ist, dass sie so am Rand der Gesellschaft stehen. Wobei das eine wohl auch das andere bedingt – warum soll ich lesen lernen wollen, wenn ich sowieso nichts zu tun bekomme, wobei ich lesen können muss.

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