Nun singen sie wieder

Es ist Frühling, und die Amsel singt am Abend. Ich höre sie im Hinterhof bei mir. Welch eine Erleichterung! Der Winter in den Alpen war lang und hart.

Jedes Jahr, wenn ich die Amsel höre, denke ich an meine Jugend in Irland. Damals war es so schön, sie abends zu hören. Für mich ist Vogelgesang immer mit Dichtung verbunden. Irische Dichter hören die Vögel seit eh und je und sie haben eine besondere Liebe für „an lon (dubh)“, die (schwarze) Amsel. Es gibt so viele altirischen Gedichte über die Amsel, meistens von Mönchen geschrieben. In einem Randgedicht der Priscian-Handschrift in St Gallen heißt es:

Dom-farcai fidbaide fál
Fom-chain loíd luin-lúad nad cél.
Húas mo lebrán, ind línech.
Fom-chain trírech inna n-én.

„Eine Hecke von Bäumen umgibt mich. Eine Amsel singt mir, was ich nicht schweige. Über meinem Buch, das in Linien geregelt ist, singen die Vögel mir.” Ein anderer Dichter schreibt:

Och, a loin, is buíoch duit,
cá háit sa mhuine a bhfuil do nead.
A dhithreabhaigh nach clinn clog,
is binn bog síthiúil d’fhead.

„O Amsel, du bist zufrieden, wo du auch im Gebüsch dein Nest hast; O Einsiedler, der keine Glocke läutet, dein Pfeifen is süß, sanft, friedlich.” Dabei wissen wir, dass Oisín (Ossian) den Gesang der Amsel dem christlichen Psallieren entschieden vorzog. Er sagt dem Heiligen Patricius:

An tráth do mhair Fionn ‘s an Fhiann
dob ansa leo sliabh ná cill
Ba binn leosan fuighle lon
gotha na gclog leo níor bhinn.

„Als Finn und die Fianna lebten, zogen sie den Berg der Einsiedelei vor. Sie fanden den Gesang der Amsel schön; die Stimmen der Glocken wären ihnen nicht schön gewesen.”

Jahrhunderte später erfuhr der blinde Dichter Séamus Dall Mac Cuarta beim Vogelgesang den gleichen Genuss, aber mit Traurigkeit verbunden:

Fáilte ‘on éan is binne ar chraoibh
labhras ar chaoin na dtor le gréin;
domhsa is fada tuirse an tsaoil
nach bhfeiceann í le teacht an fhéir.

„Willkommen dem süßesten Vogel am Ast, der singt im Gebüsch an der Sonne; die Trägheit des Lebens ist mir am schwersten, der sie nicht sehe, wenn das Gras wächst.”

Als ich ein Jüngling war und der Amsel am Abend bei offenem Fenster lauschte, erfuhr ich eine neue süße Melancholie, eine stumme Ahnung der Wunder des Lebens. Jetzt, wenn ich die Vögel singen höre, denke ich unvermeidlich an den Tod. Denn die Jahre kommen und gehen, alle Frühlinge hört man die Amsel wieder, und man fragt sich: Werde ich sie nächstes Jahr hören? Wahrscheinlich; doch früher oder später kommt ein Winter, den ich nicht überlebe, und dann singt die Amsel, und ich bin nicht mehr dabei. Kann man lernen, diesen Gedanken gleichmütig und gelassen zu denken? Brecht schrieb während seiner letzten Krankheit:

Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité
Aufwachte gegen Morgen zu
Und die Amsel hörte, wusste ich
Es besser. Schon seit geraumer Zeit
Hatte ich keine Todesfurcht mehr. Da ja nichts
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt
Ich selber fehle. Jetzt
Gelang es mir, mich zu freuen
Alles Amselgesanges nach mir auch.

Jedes Jahr singen die Amseln wieder. Es sind nicht unbedingt die gleichen Amseln wie im vorigen Jahr. Warum sollten es die gleichen Menschen sein, die sie hören? Hauptsache ist, dass der Vogel singt, und dass jemand zuhört. Und der Kreis ist geschlossen.

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