Klageweiber (2)

Wir reden immer von Klageweibern, nie von Klagemännern. Warum? Frauen scheinen zum Trauern besser geeignet. Sie weinen leichter und ungehemmter als Männer, die frühzeitig lernen, mit ihren Gefühlen zurückhaltend umzugehen. Ferner gewinnt man bei den Legenden und Mythen immer den Eindruck, es gäbe Frauen, die niemals aufhörten, ihre Toten zu beklagen; eine Tatsache, die die Gemeinschaft tief beunruhigt.

Viele Männer können es nicht aushalten, wenn Frauen weinen. Es ist wie das Gefühl von Grauen, das viele Erwachsene überkommt, wenn ein Kleinkind laut weint. Das ist ein Notruf von einem Artgenossen; es wird einem instinktiv unwohl, und man fühlt sich genötigt, etwas zu tun, um dessen Schmerz zu lindern. Aber was, wenn der Schmerz unheilbar ist?

Die Frau, die endlos um ihre verlorenen Kindern trauert, wird in Mythen und Legenden schließlich zum Nimmersatt, und so zum Kinderschreck. Diese Frau, die rastlos in der Nacht herumirrt und ihre verlorenen Kinder ewig beweint, raubt anderen die Kinder aus der Wiege, um ihre eigenen zu ersetzen. Sie wird also die Kinder „holen“, wenn sie nicht brav sind und schnell einschlafen.

Beim Propheten Jeremias wird Rahel zu einer solchen Figur:  „Man hört eine klägliche Stimme und bitteres Weinen auf der Höhe; Rahel weint über ihre Kinder und will sich nicht trösten lassen über ihre Kinder, denn es ist aus mit ihnen” (Jer 31, 15). Diese Schreckensgestalt taucht auch im Matthäus-Evangelium auf (Matt 2, 18), in dem sie die erschlagenen Unschuldigen von Bethlehem beweint.

Doch zurück zu Irland: Der alte Mythos der Klageweiber wird christlich umgedeutet im bekannten Lied „Caoineadh na dTrí Muire” oder Klagelied der drei Marien. Wem dieses traditionelle Lied von Seosamh Ó hÉanaí, einem großen Meister des Sean-Nós-Gesanges, vorgetragen wurde, der wird es nie mehr vergessen können:

A Pheadair, a Aspail, an bhfaca tú mo ghrá bhán,
Ochón, agus óchon ó;
Do chonaic mé ar ball é, dá chéasadh ag an ngarda,
Ochón, agus óchon ó.

„O Petrus, Apostel, hast Du meinen schönen Geliebten gesehen, wehe, und wehe, o! – Ich sah ihn vor Kurzem, als die Garde ihn kreuzigte, wehe, und wehe, o!” Es geht hier natürlich um das Klagegeschrei der drei Marien auf Golgotha: Maria, die Mutter Christi, steht mit zwei anderen Frauen, je nach Legende verschiedenartig identifiziert; bei Johannes (19,25) heißt es: „Bei dem Kreuz Jesu standen seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klopas, und Maria von Magdala.“ Mit den zwei anderen Frauen beweinte die Muttergottes den Tod Christi am Kreuz.

Muise, cén fear breá sin ar chrann na Páise?
Ochón, agus óchon ó.
An é nach n-aithníonn tú do mhac, a mháithrín?
Ochón, agus óchon ó.

„Ach, wer ist jener schöne Mann am Baum der Passion? – Kann es sein, dass du deinen Sohn nicht erkennst, Mütterchen?“ Das ist uraltes Gedankengut und stammt wahrscheinlich aus vorchristlichen Zeiten. Es geht um die drei Göttinnen, die drei Parzen, die als Klageweiber den sterbenden jungen Gott oder Helden beweinen. In den christlichen Jahrtausenden wurde die Mater Dolorosa zum Urbild des Klageweibes. Ihr Schicksal ist es, mehr zu weinen als alle anderen Frauen der Welt. Denn es wurde ihr gesagt: „Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen“ (Lk 2,35). Zu Ostern beweint sie ihr eigenes Kind. Nur diese Frau kann in die Hölle des Schmerzes hinabsteigen, um über den toten Menschensohn zu trauern.

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