Ostern und Identität

Nach der Fastenzeit und der Karwoche ist Ostern in Griechenland*. Ich denke an einen Sonntag vor Ostern, als ich in der Kathedrale in Serres war. Wie anders als bei uns ist doch das kirchliche Leben in Griechenland! Die Messe scheint eine Ewigkeit zu dauern, und die Menschen kommen und gehen nach eigenem Gutdünken. Endlose Litaneien und Gebete folgen sich nahtlos; einige erkennt man, andere nicht.

Im Westen ist der Kirchenbesuch eher zu einer Frauensache geworden, aber hier sind auch fromme Männer gut vertreten. Die Geschlechter sitzen getrennt: die Frauen links, die Männer rechts. Die Frauen sind auch oben auf der Empore unter sich. Man bemerkt die etwas altmodische Eleganz ihrer Sonntagskleider; die Männer sind meistens im Anzug. Nicht nur das erinnert mich an die jüdische Synagoge am Sabbat. Auch die bärtigen Priester und Diakone, der siebenarmige Kerzenleuchter, die klagenden orientalischen Gesänge und die goldverzierten Schreine kommen mir bekannt vor.

Ich finde es eigentlich schön, dass die Menschen am Sonntag in die Kirche gehen; längst nicht alle, natürlich. Aber es sind überall Zeichen der Frömmigkeit zu sehen: kleine Kapellen und Schreine an jeder Straßenecke, Priester gehen die Straße entlang und die Leute grüßen sie, indem sie ihnen die Hand küssen.

Diese währende Volksfrömmigkeit ist nicht schwierig zu erklären. Für die Griechen ist der orthodoxe Glaube nicht nur Religion, sondern ein Teil ihrer Identität. Während der langen Jahre der Türkenherrschaft vermochte die Kirche diese nationale Identität zu bewahren. Die Türken waren Muslime und Christsein erlaubte es einem, sich von den Besatzern grundsätzlich zu unterscheiden. Das bedeutet nicht, dass die Kirche immer auf der Seite des Volkes stand. Doch ohne Orthodoxie ist Neugriechentum undenkbar. Wenn Griechen zu Ostern sagen: Christos anésti, „Christus ist auferstanden“, könnten sie eben so gut hinzufügen: „Auch wir sind auferstanden“.

Die Sachlage ist nicht anders bei uns in Irland: Die katholische Kirche hat die irische Identität jahrhundertelang bewahrt und gegen die Engländer verteidigt. Die Engländer waren Protestanten und der Katholizismus unterschied die Iren von ihnen. Die entmachtete gälische Aristokratie, die sogenannten „wilden Gänse“, zogen nach Europa und fanden neue Ämter bei neuen Königen und Kaisern, und die Dichter und Gelehrten, ihrer Schutzherren beraubt, gingen im Volk unter. Nur die Kirche war da, um die irische Sache bis in die Moderne zu verfechten. Nicht dass die Kirche immer auf der Seite der Leute war – im Gegenteil. Doch der irische Nationalismus spielt auch immer auf religiösen Registern. Der Osteraufstand von 1916 wird als Blutopfer und nationale Auferstehung gedeutet.

Heute haben sich die jungen Menschen in Irland gegen die Kirche gewendet, und nicht nur die jungen. Frömmigkeit im Alltagsleben ist Tabu. Die Kirche hat diese plötzliche Ablehnung reichlich verdient, mit all den Skandalen der vergangenen fünfzig Jahre, die es jetzt zu bewältigen gilt. Doch ich persönlich könnte ebenso wenig aufhören, katholisch zu sein, wie ich je aufhören könnte, irisch zu sein. Das mag seltsam klingen, denn die Nationalität ist eine gegebene Tatsache, während Religion eine freie Wahl sein sollte. Aber eines habe ich längst gelernt: Im Herzen sind wir viel weniger frei, als wir meinen.

* 5. Mai: Ostersonntag im julianischen Kalender.

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Eine Antwort zu “Ostern und Identität

  1. Im Herzen sind wir viel weniger frei, als wir meinen – und „Glaube“ und „Kirche“ sind nicht das gleiche. Der Glaube findet in den Herzen und Köpfen der Menschen statt, während die Kirche ihm einen weltlichen Ort gibt, wo die Gläubigen zusammenkommen und gemeinsam singen und beten können und wo der Zusammenhalt gestärkt werden soll.

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