Welschland

Wir waren eine Gruppe von Bündnern auf einer Reise in Nordgriechenland. Im Dorf Ano Porroia saßen wir beim Wein und Abendessen auf dem Dorfplatz. Das Gespräch wendete sich den Vlachen, Wallachen oder Aromunen zu, diesem traditionsreichen Volk von ursprünglich nomadischen Hirten, das u.a. in den griechischen Bergen wohnt und eine romanische Sprache spricht. Wir fragten den Wirt, ob es im Dorf Vlachi gäbe. Freilich, war seine Antwort. Wir baten ihn, einen zu finden. Ein paar Minuten später kam ein Mann über den Dorfplatz und gesellte sich zu uns. Er beteuerte, er spreche kein Vlach, verstehe es aber. Wenn wir die Sprache hören möchten, müssten wir seine Mutter fragen. Ermutigt von unserm Interesse, rief er sie per Handy an, und zehn Minuten später war sie da, eine alte Dame in den Achtzigern, aber munter und gesprächig. Wir versuchten ihr in unserm zögerlichen Griechisch zu erklären, dass wir uns für ihre Sprache interessierten, weil wir selber aus einer romanischsprachigen Bergregion stammten. Diejenigen, die konnten, sprachen sie auf Rätoromanisch an, aber sie verstand nichts davon. Sie sprach etwas Vlach zu uns, aber wir verstanden, nur dass das Wort „Brot“ so ähnlich wie „paun“ war. Soweit unser räto-vlacho-romanischer Austausch.

Rätoromanisch ist eine romanische, vom Latein abgeleitete Sprache, denn die Römer waren lange Zeit bei uns in Rhaetia, wie die Provinz damals hieß. Sie waren aber auch in Osteuropa, im heutigen Rumänien; deswegen ist die rumänische Sprache eine romanische und deswegen gibt es auch diese romanischsprachigen Minderheiten von ursprünglichen Nomaden auf dem übrigen Balkan und in Griechenland.

Die Vlachen oder Wallachen sind eigentlich die Welschen, denn das sind alles Formen des gleichen Wortes. In ganz Europa ist Welsch ein Exonym, also eine Fremdenbezeichnung, die die germanischen Völker (und später zum Teil auch die Slawen) im Mittelalter für romanische oder romanisierte keltische Völker benutzten. Deshalb heißen die Waliser auf Englisch „Welsh“, denn für die Angelsachsen, die am Ende der Antike in Britannien eindrangen, waren sie als romanisierte Kelten fremd. Notabene: Die Waliser heißen „Welsh“, die Iren und die Schotten aber nicht, denn wir wurden nie romanisiert, auch nicht zum Teil. Übrigens heißen die Waliser auf Irisch „Breatnaigh“, d.h. Briten; die Engländer hingegen heißen „Sasanaigh“, d.h. Sachsen.

Für die Deutschen waren romanischsprachige Völker wie die Italiener und Franzosen immer „die Welschen“. Walther von der Vogelweide setzt in einem seiner politischen Gedichte, die folgende Rede in den Mund des Papstes:

„Ir tiuschez silber vert in mînen welschen schrîn“

d.h. ihr deutsches Geld wandert in meine italienische Kasse. Die Welschen waren also die Nichtdeutschen. Die Bündner einschließlich ihrer Hauptstadt Chur waren als Rätoromanischsprachige inbegriffen: Ihre Sprache hieß zu Deutsch Churwelsch oder Churerwelsch, was später zu „Kauderwelsch“ korrumpiert wurde. Martin Luther erwähnt die „Chauderwelschen oder Churwallen kahle Glossen“.

Inzwischen wurde Chur germanisiert, und heutzutage heißt eine Straße außerhalb der alten Stadtmauer Welschdörfli; wohl ein Viertel, wo zugezogene Rätoromanen wohnten. Die irische Hauptstadt Dublin war immer eine skandinavische und später eine englische Stadt, und es gibt einen Vorort von Dublin, der Irishtown heißt, wohl aus demselben Grund.

Deutschschweizer sagen „Welschland“, wenn sie die französische Schweiz, die Romandie, meinen. Sogar die Rätoromanen hier in Graubünden sagen „ir el welsch“, wenn sie sagen wollen, in die Romandie ziehen. Das ist natürlich absurd, denn sie sind ja selber Welsche und müssen nicht auswandern, um sich im Welschland zu befinden. Aber Sie sehen, dank den Germanen ist Welschland fast überall.

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