Segen und Fluch

Über das Thema „irische Segenswünsche“ muss ich immer wieder rätseln. Es scheint eine Erfindung gewisser Engländer zu sein, die später von den Deutschen aufgegriffen wurde. Vor allem in religiösen Buchhandlungen sehe ich zahlreiche Geschenkbücher mit diesen angeblich irischen Segenswünschen, die vermutlich von ihren Autoren einfach nur frei erfunden werden. Vor kurzem hat mir ein deutscher Theologe erzählt, er besitze eine ganze Sammlung von diesen Büchern. Die Gattung „irische Segenswünsche“ scheint zu einer deutschen Subliteratur geworden zu sein. Komisch, da es das bei den Iren nicht gibt. Ehrlich. Ich bin in Irland aufgewachsen und bin oft dort, nie aber habe ich meine Landsleute Segenswünsche ausdrücken hören.

Was bedeutet diese Fiktion? Eine Art Projektion auf die Iren, nehme ich an. Man möchte glauben, dass die Iren nett sind, dass sie ihren Tag verbringen, indem sie einander mit poetischer Ausdrucksweise aber ländlicher Einfachheit segnen, und nicht nur einander, sondern auch durchreisende Touristen. Aber das macht kein Ire.

Fluchen schon. Zu diesem Thema wüsste ich dagegen viel zu erzählen. Die Iren glauben an die Macht des Fluches, und in volkstümlichen Sagen wird immer wieder darüber berichtet, vor allem bei Pfarrern, die übernatürliche Kräfte haben sollten, und bei sonst Machtlosen in der Gesellschaft, wie etwa Witwen und Waisen.

Fluchen im Sinne von „Kraftausdrücke ausstoßen“ ist auch eine irische Kunst, vor allem in meiner Heimatstadt Dublin. Typischerweise werden sakrale Personen beschwört. Flüche mit sexuellem oder skatologischem Inhalt gibt es auch. Alle drei Register werden nicht selten mit surrealer Wirkung kombiniert. Einige dieser Flüche sind wirklich lustig und derb kreativ, aber aus Geschmacksgründen muss ich darauf verzichten, Beispiele zu zitieren.

In europäischen Ländern ist Fluchen eher eine katholische Eigenschaft, denn der Protestantismus hat keinen Umgang mit Heiligen und unterdrückt die volkstümliche Derbheit. Die Häufigkeit des Fluchens bei uns hängt vermutlich damit zusammen, dass wir mehrheitlich katholisch sind. Bei uns wurde aber auch die bunte irische Art, mit der Sprache umzugehen, vom Irischen ins Englische übernommen.

Etwas muss ich selber bekennen: Ich fluche gerne. Es bringt Erleichterung in schwierigen Momenten des Lebens, zum Beispiel wenn ich mir Kaffee auf die Krawatte gieße, oder wenn das Wasser in der Badewanne zu heiß ist. Und immer, immer fluche ich in Dubliner Dialekt, egal welche Sprache ich sonst spreche. Dieses Verhalten ist tief geprägt. Ich habe sogar mehrmals davon geträumt, dass ich Wasser plätschern und eine männliche Stimme auf Dubliner Dialekt fluchen höre, was vielleicht auf eine frühe Erfahrung als Kleinkind mit meinem Vater hindeutet. Nun, mein Vater war ein bescheidener, ruhiger Mensch, als er aber in den 1960er Jahren anfing Auto zu fahren, vernahm ich oft unerhörtes Fluchen von ihm.

Die Faszination Fluchen hat wohl einen neurologischen Grundsatz. Man denke an die sogenannte Gilles de la Tourettesche Krankheit. Diese kommt vor bei Patienten, die in ihre Gespräche unwillkürlich Kraftausdrücke einbauen. Sie heißt auch „verbaler Tic“, und ist oft mit anderen unwillkürlichen Bewegungen verbunden. Eine Hirnpathologie wird vermutet. Kein Wunder sahen Menschen in alten Zeiten darin eine teuflische Besessenheit. In der medizinischen Literatur findet man seltsame Fälle, wie z.B. einen Pfarrer, der seine Gemeinde dadurch entsetzte, dass er während der Predigt laute Flüche ausstieß.

Andererseits wäre es schön, wenn es einen verbalen Tic gäbe, bei dem die Leute unwillkürlich Segenswünsche ausstoßen würden. Doch ein solches Phänomen ist den Medizinern bisher unbekannt. In Irland erleben Sie es sicher nicht.

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