Hesse und Beckett

Ich bin oft im Tessin, dem italienischsprachigen Kanton auf der anderen Seite des Passes San Bernardino. Ich bin nach Montagnola gepilgert, wo Hermann Hesse gewohnt hat. Im Zusammenhang mit Hesse denke ich an Schriftsteller im Exil, denn ich wohne ja selber im Exil, wenn auch freiwillig. Viele Schriftsteller wohnen im Exil. Warum? Wohl um anonym zu bleiben und nicht mit den Menschen verkehren zu müssen, für die sie schreiben. Um Distanz zur eigenen Kultur zu gewinnen. Um ungünstigen politischen oder wirtschaftlichen Verhältnissen zu Hause auszuweichen. Bei Hesse wird das alles zugetroffen haben. Aber bei ihm war noch etwas Zusätzliches im Spiel: Er ging ins Sprachexil. Für den Schriftsteller ist das vielbedeutend, denn er lebt von der Sprache, von der eigenen, und jetzt lebt er unter Menschen, die diese Sprache nicht sprechen.

Wenn ich an Sprachexil denke, denke ich auch an Samuel Beckett. Aber zwischen Hesse, dem Deutschen in der italienischen Schweiz, und Beckett, dem Iren in Frankreich, gibt es einen wichtigen Unterschied. Hesse schrieb weiter in der eigenen Sprache; soweit ich weiß hat er nie versucht, auf Italienisch zu schreiben, obwohl er Italienisch konnte. Beckett schaffte den Sprung in die fremde Sprache, ins Französische. Natürlich schrieb er auch in seiner Muttersprache Englisch. Er vermittelte als Selbstübersetzer zwischen beiden Sprachen, doch der Versuch, auf Französisch zu schreiben, war eigentlich der Beginn seiner literarischen Laufbahn, die sich so charakteristisch mit dem Thema Sprache befasst: Sprache als Bedeutungslosigkeit, Sprache als Überbleibsel, Sprache als Ersatz für das Leben bei gescheiterten Existenzen.

Warum dieser Unterschied? Auch im schweizerischen Exil blieb Hesse ein Deutscher und auch im Tessin blieb er ein deutschsprachiger Schriftsteller. Fest in der deutschen literarischen Tradition verankert, war er ein Erzähler der herkömmlichen Art und schrieb in den herkömmlichen Formen Roman, Erzählung und Lyrik. Beckett dagegen war ein Neuerer, ein Revolutionär, der im Theater neue Möglichkeiten für die Literatur suchte, die der Situation des modernen Menschen Ausdruck verleihen könnten. In Paris verkehrte er mit französischen Intellektuellen und Schriftstellern, und als Student der französischen Literatur war er mit dem dortigen Geistesleben schon vertraut. Andererseits war und blieb er ein Ire, trotz aller Mühe mit seiner irischen Identität. Und gerade weil er Ire war, konnte er mit dem Sprachexil kreativ umgehen.

Denn ein Ire ist nicht zu Hause in einer Sprache. Seine nationale Sprache ist meistens nicht seine Muttersprache, und seine Muttersprache nicht seine nationale Sprache. Man kann vor dieser Problematik fliehen, indem man sie verneint. Die meisten irischen Schriftsteller, die auf Englisch schreiben, meinen, es gäbe keine solche Problematik. Sie sehen über das Irische hinweg. Für sie gibt es nur das Englische, und basta. Viele irische Schriftsteller wohnen im Exil, aber nicht im Sprachexil: Sie wohnen in England oder in Amerika. Die englischsprachige Welt ist so groß, man muss sie nie verlassen.

Beckett war ein Englischsprachiger, und als Sprößling der protestantischen Minderheit hatte er wenig Gelegenheit, sich mit dem Irischen auseinanderzusetzen, geschweige denn, sich mit ihm zu identifizieren. Doch er hat sich der Sprachproblematik gestellt, indem er ins Sprachexil ging, wie Joyce übrigens auch; er ist sogar noch weiter gegangen als dieser und hat in der Fremdsprache geschrieben. Für solches Verhalten hat das Französische eine treffende Bezeichnung: fuite en avant.

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