Indianer sein

Vor einiger Zeit hatte ein lokaler Unternehmer die Idee, Touristen im Bündner Oberland während des Sommers in Indianerzelten unterzubringen. Mein guter Freund, der Sprachlehrer Francestg Friberg, war entrüstet. „Nus essan ils Indians cheu!“ meinte er („Wir sind die Indianer hier!“).

Meines Erachtens ist diese Äußerung mehr als nur ironisch zu deuten, denn es gibt tatsächlich eine überraschende Ähnlichkeit zwischen den Schicksalen der Kleinvölker in Europa, wie etwa Rätoromanen und Kelten, und denen der Ureinwohner der Neuen Welt.

Für die Engländer waren wir Iren Indianer. Was sie in Irland über die Eroberung fremden Territoriums gelernt hatten, setzten sie dann in der Neuen Welt um. Für die Unterlandschotten und später auch für ihre englischen Herrscher waren die Hochlandschotten wie Indianer. In einem äußerst interessanten Buch* schreibt Colin Calloway, dass die Hochlandschotten grundsätzlich ein Stammesvolk waren und sie wie Indianer betrachtet und behandelt wurden. Ferner meint er, dass sie sich in der Emigration mit den Indianern der neuen Welt vermischten. Die traurige Geschichte der Vertreibungen (Highland Clearances) war oft die Ursache, dass Schotten nach Nordamerika auswanderten. Dort erlebten sie ähnliche Vertreibungen, entweder als Nachkommen von Mischehen mit Indianerinnen oder aber als neue Kolonisten. Manchmal waren sie die Vertriebenen, manchmal die Vertreiber.

Seit der Renaissance hat man eine Art Mythos über die vermeintlichen Ureinwohner Europas entwickelt, die vor dem römischen Reich da waren. Sie sollten immer noch auf der westlichen und nördlichen Peripherie Europas leben: Iren und Hochlandschotten waren ein Teil davon, aber auch Bretonen, Basken und Lappen.

In seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprachen (1772) rief Herder zum Studium der „wilden und antiken Sprachen“ auf. Er redete ferner von „halbwilden“ Sprachen in Europa; mit dieser Bezeichnung meinte er die keltischen Sprachen, aber auch das Baskische und die Sprachen der Lappen und der baltischen Ureinwohner (er hatte ja in Riga gewohnt):

„Und was brauchen wir Völker aus den entlegenen Enden der Erde? Unser kleiner Rest von Wilden in Europa, Estländer und Lappen usw., haben oft ebenso halbartikulierte und unschreibbare Schälle als Huronen und Peruaner.“

Sowohl die Wilden als auch die Halbwilden sprachen wild, mit „unschreibbaren Schällen“. Eine wilde oder nur gesprochene Sprache war „unschreibbar“. Im Zeitalter der Aufklärung glaubte man, dass sich unsere modernen Sprachen von unartikulierten Schreien abgeleitet hätten, Schreie, mittels derer ursprünglich Emotionen ausgedrückt wurden.

Im 18. Jahrhundert meinten viele Gelehrte in Frankreich und England außerdem, die Kelten seien mit den „Wilden“ der Neuen Welt verwandt, und dass man Ähnlichkeiten zwischen ihren Sprachen nachweisen könne. Der Unterlandschotte Lord Monboddo und General Vallancey, ein englischer Offizier in Irland, die beide 1773 schrieben, behaupteten, das Keltische werde nicht nur in Europa sondern auch in Nordamerika gesprochen.

Denker wie Monboddo und Vallancey und später Chateaubriand meinten nicht nur, dass die keltischen Sprachen und diejenigen der Neuen Welt verwandt seien, sondern dass es Ähnlichkeiten zwischen Kelten und Indianern gäbe.Das waren beides altehrwürdige Nationen, die von den großen Reichen Europas erobert worden waren, was deren Sprachen und Kulturen gefährdete.

Dank der indogermanischen Theorie hat sich die Verwandtschaft der keltischen und amerindischen Sprachen inzwischen als Hirngespinst erwiesen. Doch die Aufklärer lagen nicht ganz falsch, dünkt es mir, als sie die Kleinvölker Europas mit den Indianern verglichen. Manchmal fühlen wir uns immer noch wie Indianer.

 

*Calloway, Colin G.: White people, Indians, and Highlanders: tribal peoples and colonial encounters in Scotland and America: Oxford ; New York : Oxford University Press: 2008.

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