Mittsommernachtstraum

Die Sommersonnenwende bringt den längsten Tag und die kürzeste Nacht des Jahres. Sie  findet am 21. oder am 22. Juni statt. In vorchristlicher Zeit war dies ein Fest des Sonnengottes.

Die Johannisnacht ist traditionsgemäß der Vorabend des Festes Johannes des Täufers am 24. Juni, genau sechs Monate vor der Geburt Christi.

Was haben diese zwei Feste, das heidnische und das christliche, miteinander zu tun? Eigentlich nichts.  Trotzdem wurden die meisten Bräuche bezüglich der Sommersonnenwende auf die Johannisnacht übertragen.

Doch es gibt mehr dazu. Gemäß der Theorie des großen schottischen Ethnologen Sir James Frazer wurden die vorgeschichtlichen Gesellschaften Europas jeweils von zwei sakralen Königen regiert, und beide waren Gemahle einer Königin, die die Muttergöttin verkörperte. Jeder von diesen Königen herrschte nur ein halbes Jahr.  An der Sommersonnenwende bzw. an der Wintersonnenwende wurde er geopfert und durch seinen Stellvertreter ersetzt.  Man sieht offensichtliche Parallelen zu Johannes dem Täufer und Christus.  Johannes ist der Vorläufer Christi.  Er wird von Herodes hingerichtet und Christus ersetzt ihn.  Johannes nimmt das in Kauf, wie es im Evangelium heißt: „Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen“ (Joh. 3, 30).  Johannes ist ebenso ein sakraler König wie Christus, der als Osterlamm geopfert wird.

Johannes der Täufer ist der Schutzheilige von Französisch-Kanada und das Johannisfest («fête de la St.-Jean-Baptiste») ist heute der Nationalfeiertag in Québec, mit einer patriotischen und nationalistischen Bedeutung – sogar einer separatistischen mit Bezug auf Kanada!  Tagsüber gibt es Umzüge in den Städten, die Kirchenglocken läuten, und in der Nacht macht auf dem Lande man viele Feuer («feux de joie»).

Die Mitsommernacht ist auch eine alte Feier in England und Irland, wo keltische Völker wohnen oder gewohnt haben, doch sie gehört auch zur vorkeltischen Zeit. Vorgeschichtliche Denkmäler wie Stonehenge sind an der Sommersonnenwende orientiert, verschiedene irische Monumente auch (aber nicht das berühmteste, Newgrange (Brú na Bóinne), das eigentlich nach der Wintersonnenwende ausgerichtet ist). Zur Zeit der Sonnenwende erscheint die Sonne in einer ganz bestimmten Position, sie scheint durch eine bestimmte Öffnung im Bau. Die Berechnung des Datums der Sommersonnenwende war offensichtlich eine sehr wichtige Sache für die neusteinzeitlichen Bauern.

Im Zusammenhang mit der Sommersonnenwende denkt man unvermeidlich an Shakespeares „A Midsummer Night’s Dream“. Das englische Theaterstück ist voll keltischer Mythologie und Fantasie; außerdem ist es seit dem 19. Jahrhundert ein Teil der deutschen literarischen Welt, nicht nur wegen der Übersetzungen von A.W. Schlegel und anderen, sondern auch wegen der wunderbaren Musik von Mendelssohn.

Die Mittsommertage sind die längsten, die Mitsommernächte die kürzesten des Jahres, wie gesagt, und deshalb sind die Menschen in dieser Zeit manchmal etwas verwirrt was Tag und Nacht betrifft.  Es ist eine verzauberte Zeit, in der die Traumwelt in die Alltagswelt eindringen kann und außerordentliche Dinge passieren können.

„Wie Tag und Nacht sein“ ist eine sprichwörtliche Redewendung um total verschiedene Dinge zu kennzeichnen.  Aber total verschiedene Dinge können sich manchmal begegnen. Die Welt des Geheimen, des Enigmatischen, des Unbewussten umgibt uns, und sie kann sich den Menschen von einem Moment zum anderen offenbaren. Wie wir in Shakespeares Komödie erleben, gehen Tag und Nacht in einander über und schaffen eine charakteristische Atmosphäre, das Helldunkel, chiaroscuro, eine Zwischenwelt der Träume. Wenn das passiert, muss man ja keine Angst haben, sondern nur lachen und ein Fest feiern.

 

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