Tigerjahre, Hundejahre

Der keltische Tiger ist tot und begraben. Aber manchmal steigt das verflixte Tier wieder aus dem Grab und sorgt für Peinlichkeiten.

Irische Politiker haben inzwischen gelernt, die Exzesse der Tigerjahre mit Kopfschütteln zu beschwören. Aber haben sie wirklich etwas gelernt? Oder wie die Bourbonen, „rien appris, ni rien oublié“?

Auf dem Festland stehen die Iren weiter unter Verdacht, keine guten Europäer zu sein. Nie wurde ihnen verziehen , dass sie die maßlose Frechheit besassen, gegen den Nizza-Vertrag zu stimmen. Eigentlich sind die Iren genau so eigenwillig wie die Schweizer. Letztere sitzen mitten in Europa, und meinen, sie seien eine Insel oder eine Festung von Freiheit und Werten und seinen deshalb in der Lage, mit den übrigen Europäern souverän zu verhandeln.

Englands euroskeptische Selbsttäuschung ist ähnlich, steht den Iren jedoch etwas näher. Die Engländer glauben, sie seien überlegen und hätten ihr Empire heute noch. Sie reden immer noch von „Britain and Europe“. Die willkürliche Amnesie der Engländer gibt den Iren Mut, ebenso realitätsfern zu leben. Beide Völker meinen, sie hätten stets die Wahl.

Die Iren spielen längst ein doppeltes Spiel mit Europa und Amerika; sie nahmen große Geschenke aus Brüssel an und liessen gleichzeitig amerikanische Multis durch die Hintertür hinein. Während der Tigerjahre waren die Menschen zynisch und materialistisch. Nicht nur die bösen Buben in Finanz und Wirtschaft, sondern auch Patrick Normalverbraucher. Die bösen Buben werden jetzt an den Pranger gestellt, nicht als Vertreter einer pathologischen Kultur, sondern als unpatriotische Spielverderber, die ihre unwissenden Landsleute in die Katastrophe getrieben haben.

In den Tigerjahren habe ich den Draht zu meinen Landsleuten ein bisschen verloren. Auch meine Verwandten hörten sich plötzlich an wie Amerikaner. Sie redeten ständig von Häusern und Autos und verglichen Preise. Ich fragte mich manchmal: Gott, was ist mit denen bloß los? Man hat einfach nicht verstanden, dass Reichtum von Produktion kommt und nicht von Spekulieren mit Geld.

Jetzt ist die Party längst vorbei. Vor allem den jungen Iren geht es schlecht. Junge Portugiesen, Spanier und Griechen haben es ähnlich schlecht, selbst, wenn sie gut ausgebildet sind: Sie finden keine Jobs und müssen auswandern. Aber meistens nach Norden oder Westen. Deutsch lernen! lautet die Devise. Die Goethe-Institute boomen. Den jungen Iren bleibt das erspart. Sie können nach London, New York oder nach Australien. Es macht ihnen trotz allem Spaß, ins Ausland zu ziehen, aber in die angelsächsische Welt, ja sogar in die Antipoden. Europa bleibt für sie terra incognita.

Die Iren wurden in die Enge getrieben, wollen dies aber nicht wahrhaben. Sie richten ihr Augenmerk auf den Atlantik: Freiheit im Westen, grenzenlose Möglichkeiten. Ihre geographische Perspektive ist eine andere als die des Festlandeuropäers. Deswegen sind die Festlandeuropäer, etwa die Deutschen, ja, jene „Scheißdeutschen“, wie neulich in der Bild-Zeitung zu lesen war, so fremd wie die Japaner, Fremde, mit denen man nicht wirklich auf Augenhöhe kommunizieren kann, denn sie sind nicht englischsprachig, gehören nicht zur angelsächsischen Welt, in der sich die Iren verankert fühlen.

Und die Moral von der Geschichte? Die realen Verhältnisse zählen nicht. Was zählt, sind die Kultur und die Tradition. Diese machen uns zu dem, was wir sind. Ich wünsche mir, ich könnte sagen, meine Landsleute werden jetzt langsam zu besseren Europäern. Aber das stimmt nicht. Der Ruf des Atlantiks ist zu stark.

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Eine Antwort zu “Tigerjahre, Hundejahre

  1. anglogermantranslations

    Ich muss jetzt doch mal eine Lanze für all die goldenen Ausnahmen brechen, zumindest was das Sprachentalent und die Lernbereitschaft von Irinnen und Iren betrifft. Immerhin lernen sie schon in der Grundschule Irisch. Alt- oder Mittelhochdeutsch an deutschen Grundschulen wäre einfach undenkbar. Wenn ich mir vorstelle, dass sämtliche Straßenschilder hier auch noch in Althochdeutsch zu lesen wären …

    Ein Ire in der Schweiz, der die deutsche Sprache hervorragend in Wort und Schrift beherrscht, kommt mir daher völlig normal vor. Ich kenne da einige Exemplare, auch hier im großen Kanton. 🙂

    Eigentlich wollte ich aber nur bemerken, dass mir der Ausdruck „Patrick Normalverbraucher“ sehr gefällt, und ich grübele seitdem, wie sein deutscher Kollege Otto nebst Gemahlin Ottilie wohl helvetisiert wurden (falls überhaupt)? Da die Schweizer dem Konsumenten vor dem Verbraucher den Vorzug geben, dürfte das wohl ein Peter Normalkonsument sein? Und das weibliche Gegenstück Heidi Normalkonsumentin? .

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