Predigt an eine leere Kirche

Wie ein Schlafwandler stehe ich vor dem Schiffsaltar in der Kathedrale und schaue auf die leeren Kirchbänke. Nur ich bin hier. Die wenigen Touristen sind schon weg, denn es ist Abend geworden.

In diesen Ort, wo Generationen gebetet und gefeiert haben, wo Bischöfe und Domherren, Pfarrer und Vikare im Antlitz des Herrn ihr Amt ausgeübt haben, kommen jetzt nur noch wenige. Meistens Alte. Am Sonntagmorgen, wenn die Glocken läuten, steigen sie die steinernen Treppen hoch, durch das Tor in den Hof, langsam, denn sie sind alt und es kostet sie einige Mühe.

Es ist genau hier, am Schiffsaltar, wo jetzt gepredigt wird. Die Kanzel wird nicht mehr benutzt, jene stattliche Struktur aus Barockmarmor mit einer körperlosen Hand, die ein Kreuz hochhält. Dort auf der Kanzel wurde so viel Überheblichkeit von oben herab serviert, so viel Windbeutelei. Jetzt sind die alten Wörter zu lange wiederholt worden, die biblischen Gemeinplätze wurden allzu oft erwähnt.

Es kommt mir gerade in den Sinn, selbst eine Predigt zu halten; eine Predigt für mich allein, denn es hört ja niemand zu, übrigens fehlt mir die „missio canonica“. Aber auch eine Predigt für all diejenigen, die nicht hier sind.

Das Kirchenvolk verschwindet und das Gotteshaus steht leer; ein bisschen wie alte Stadtmauern, die nicht mehr in der Lage sind, die Stadt zu verteidigen, Mauern, die gebaut wurden, um einen Feind auszugrenzen, den es nicht mehr gibt, aber vielleicht ist der Feind ja doch da und herrscht in der Stadt. Denn der Mensch wechselt wie der Wind, doch seine Bauten aus Stein bleiben als störende Erinnerung an verlorene Gewissheiten.

Die Kirche, ob katholisch oder protestantisch, war hier im deutschen Raum immer stark. Jetzt ist das dahin. In Irland ist es auch so, aber dort ist es ein Wunder, wenn man bedenkt, wie die katholische Kirche, der ehemalige Inbegriff des Irischen, zusammengebrochen ist. Die Iren sind der katholischen Kirche jahrhundertelang durch Feuer, Kampf und Verfolgung treu geblieben. Jetzt geben sie sie innerhalb einer Generation auf. Klar, die Kirche hat sie betrogen, hat all ihre Glaubwürdigkeit eingebüßt, aber trotzdem geht mit ihr ein wichtiger Teil irischer Identität verloren. In Quebec haben die Menschen die Kirche auch aufgegeben, schon in den 1960er Jahren, doch sie haben ihre Sprache beibehalten, und die ist seitdem ihr Identitätsträger. Jetzt, ohne Sprache und ohne Religion, haben die Iren nicht viel übrig.

Liebe Gemeinde, ihr fehlt jetzt hier, aber habt ihr, als Sinn und Zweck für das Leben in dieser Welt etwas Besseres gefunden? Nein, ihr habt nichts Besseres gefunden:  nur Häuser und Autos und Badeferien an der Costa del Sol. Ihr habt keinen neuen Tempel gebaut, ihr habt einfach den alten aufgegeben. Ihr seid wie Menschen, die einen ganzen Teil ihres Elternhauses geräumt haben und in die ungebrauchten Zimmer einfach nicht mehr hineingehen. Diese stehen leer. Eure Stimmen, eure Schritte hallen leise nach drinnen, sonst nichts.

Inzwischen fängt die große Glocke des Kirchturmes an, die Stunde zu schlagen. Der Sakristan kommt und schliesst die eisernen Türen zum Sonnenuntergang. Ich mache ein Kreuzzeichen und gehe.

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2 Antworten zu “Predigt an eine leere Kirche

  1. Dies ist ein sehr interessanter Standpunkt. Ich möchte ergänzen: Zumindest ein Teil der ehemaligen „Gemeinde“ dürfte ein Stück geistige Freiheit, mehr Wertschätzung des Körperlichen, einen Respekt für weibliche Qualitäten und eine neue spirituelle Lebendigkeit ohne künstliche Schuldgefühle gefunden haben. Häuser, Autos/eindrucksvolle Gefährte und oberflächliche Freizeitvergnügen gab es auch schon zu Zeiten, in denen die Kirchen noch voller waren. Und wie viele Leute waren dort damals mit dem Körper anwesend, aber nicht mit dem Geist oder mit dem Herzen.
    Ich persönlich wünsche dem irischen Volk, eine Identität zu finden, die nicht auf der manipulativen und einengenden Doktrin einer machtorientierten Institution beruht, sondern auf einer Geisteshaltung aus der Bevölkerung heraus, die den Wert aller Menschen achtet und deren Moral lebensnah und echte Lebendigkeit bejahend ist. Vielleicht brauchen dafür keine neuen Tempel gebaut zu werden – vielleicht findet dieser „Gottesdienst“ im Alltag statt. „With dignity und backbone“, um einen Song von Luka Bloom zu diesem Thema zu zitieren.

    • Mir gefällt das Wort „ergänzen“ zu Beginn deines Kommentars; Fuchsia. Eine Ergänzung, der ich gerne zustimme. Wenn etwas so Wesentliches verschwindet wie die Identifizierung mit Sprache und Religion, wird der daauf folgende Zustand der inneren Leere nicht allzulange ertragen werden und die Suche nach neuen Möglichkeiten der Identifizierung wird auf’s Neue beginnen. Deine Wünsche für das irische Volk kann ich nur teilen und hoffen, dass sie auch für alle übrigen Völker in Erfüllung gehen werden.

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