In Auerbachs Keller

Mein Gott, das ist so lange her: Im Jahre 1973 habe ich bei einer „Faust“-Inszenierung in Dublin mitgewirkt. Ich spielte einen der Studenten in Auerbachs Keller, ich war tatsächlich derjenige, der sang; ich improvisierte das Lied zu einer quasi-irischen Melodie, wie ich mich erinnere. Die Rolle von Mephistopheles hatte unser Germanistik-Professor Diethelm Brüggemann inne, der auch Regie führte. Er hat einen sehr guten Mephisto abgegeben, das werde ich nie vergessen. Es war unheimlich. Er stieg nicht nur in die Rolle hinein, er wurde zu Mephisto. So teuflisch gut hat er gespielt, dass er es schließlich nicht mehr mochte, wenn man ihm dazu gratulierte oder ihn gar „Mephisto“ nannte. Auf der Bühne kann man seine Schattenseiten ausleben. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Jetzt bin ich in Leipzig und kann selbst den Ort besuchen, wo sich der junge Goethe während seiner Studentenzeit austobte. Vom Naschmarkt hinter dem alten Rathaus schaue ich in die Mädlerpassage hinein, wo ich die Skulpturen von Mephisto, Faust und den Studenten am Eingang von Auerbachs Keller erspähe.

„Mein Leipzig lob ich mir! Es ist ein klein Paris und bildet seine Leute“, sagt einer der Studenten, die zwei Ankömmlinge spöttisch musternd. Es ist für mich interessant, 20 Jahre nach der Wende hier zu sein. Ich sehe nicht viel von der DDR-Zeit, alles scheint wie im Westen. Vom eisernen Vorhang keine Spur. Viel Tourismus, aber nicht viel Industrie.

„Das Volk ist frei, seht an, wie wohl’s ihm geht“, kommentiert Mephisto zu Faust. Doch bei der Freiheit lautet die Frage immer: frei von etwas oder frei zu etwas? Freiheit von etwas, das versteht man ohne weiteres: Freiheit vom Totalitarismus, von der Mauer, von der Stasi oder, in andern Ländern, von einem unterdrückenden Konservatismus irgendwelcher Art. Aber wenn man seine Freiheit gewonnen hat, was macht man damit? Man ist jetzt frei, aber wofür oder wozu? Das frage ich mich bezüglich der Ostdeutschen, und nicht nur ihretwegen.

Die Russen waren groß zur Zeit von Samisdat und dem sibirischen Exil, die ganze Kreativität eines Volkes blühte in den Kellern unter dem kommunistischen Alltag. Dann, als es mit der Sowjetunion vorbei war und die Russen ihre Freiheit hatten, erwartete man eine neue Blüte, die aber irgendwie ausblieb. Kann es sein, dass das Leben in sowjetischen Zeiten interessanter und dynamischer war? Die Freiheit gewährt uns die peinliche Möglichkeit, zu zeigen, wie unwürdig wir ihrer sind.

In letzter Zeit liest man bei irischen Autoren und Journalisten, dass es in den fünfziger Jahren und danach in Irland war wie in Osteuropa: nichts als Unterdrückung und Zensur und intellektuelle Klaustrophobie. Diese Herren wissen nicht, wovon sie reden. Klar war die Gesellschaft konservativ, doch es war längst kein Totalitarismus. Da war keine Partei, die die schweigenden Massen tyrannisierte. Die Massen waren selbst konservativ und, wenn man das Wort mag, rückständig.

Irland war vielleicht auch interessanter, zumindest authentischer, ich meine, irischer damals, als die Menschen, wie man heutzutage, eine berühmte Rede von De Valera ironisch zitierend, zu sagen pflegt „an der Kreuzung tanzten“. Die Iren haben sich inzwischen von all ihren äußeren und inneren Dämonen befreit. Nun, Rilke fürchtete, wenn man ihm seine Teufel austriebe, würde er auch seine Engel verlieren. Jetzt, da wir Iren unsere Freiheit von uns selbst gewonnen haben und unsere Teufel los sind, sind wir hoffentlich nicht allzu uninteressant geworden.

 

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