Unternehmen Grün

Ich war zurück in Dublin und saß beim Kaffee in Bewley’s zusammen mit meinem alten Schulkameraden Colm Ó Dúnlaing, der heute Mathematiker im Trinity College ist. Er ist ein großer Verfechter der irischen Neutralität und hielt mir einen Vortrag zu diesem Thema, wobei er u.a. von der Situation Irlands im Zweiten Weltkrieg erzählte. „Du weißt“, sagte er, „dass beide Seiten Pläne hatten, uns zu erobern.“ „Nein“ erwiderte ich, „das wusste ich nicht.“ Er erzählte weiter: „Hitlers Plan hieß ‚Unternehmen Grün‘…“

Es war Abend und nach dem Kaffee fuhr ich direkt zum Elternhaus. Ich war müde, ging früh zu Bett und fiel in einen tiefen Schlaf. Mitten in der Nacht wurde ich plötzlich wach. Ich hörte dröhnende Motoren am Himmel, Flugzeuge, es klang als wären es Hunderte von ihnen. Doch es folgten keine Explosionen. Die Flugzeuge warfen keine Bomben ab, leuchtete es mir ein, sondern Fallschirmjäger. Mit einem Gefühl der Hilflosigkeit schlief ich wieder ein.

Am nächsten Morgen wachte ich mit der Sonne auf. Es war ein schöner Herbsttag im Jahre 1940. Ich war Student der Medizin. Ich kleidete mich, stieg auf mein Fahrrad und fuhr zur Universität. Die Vorstadt war sehr ruhig, ich sah kaum Menschen auf der Straße. Als ich bei der medizinischen Fakultät ankam, standen zwei mit Maschinenpistolen bewaffnete Fallschirmjäger in Tarnkleidung vor der Tür. Sie hielten mich aber nicht an und ich ging hinauf in die Abteilung, wo ich immer arbeitete. Die Büros und Labors standen leer. Ich betrat das Büro meines Professors, doch ein Fremder saß hinter dessen Schreibtisch. Es war ein großer, beleibter, kahlköpfiger Mann in einer feldgrauen Uniform.

„Guten Tag“, sagte ich etwas unsicher. „Ich bin Student der Medizin und arbeite in dieser Abteilung.“ Der andere war offensichtlich froh, einen vor sich zu haben, der Deutsch konnte. Er stellte sich als Oberst vor und erklärte, er sei Mediziner und der neue Professor. Sonst würde alles beim Alten bleiben. Wir kamen ins Gespräch und er erkundigte sich über meine akademische Laufbahn. Dann verabschiedete ich mich. Als ich schon an der Tür stand, fügte er plötzlich hinzu: „Ich hoffe, Ihre Kollegen werden sich … vernünftig benehmen.“

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