Fremde Federn

Wenn man auf der Suche nach einer nationalen Identität ist, greift man gerne auf Kulturgut von sonst verachteten Minderheiten zurück. In einem neuen Buch* hat Rico Valär die emotionale Bedeutung des Rätoromanischen, seiner Kultur und seiner Berglandschaft nicht nur für die Romanen selbst, sondern auch für die übrige Schweiz beschrieben. Die nationale Identität der Schweizer wurde in die Alpen verlegt, und die Romanen wurden gerade wegen ihrer eigentümlichen Sprache als Inbegriff des Schweizerischen betrachtet. Kurz und gut, das Romanische gewann eine emotionale Bedeutung für Landsleute, die es weder sprachen noch verstanden.

Dieses Phänomen der „identitätsstiftenden Minderheit“ gibt es in anderen Ländern auch. In Schottland haben mehrere Historiker diesen Aspekt hervorgehoben. Um 1745, als die Hochlandschotten gegen den englischen König Georg II revoltierten und mit Härte und Grausamkeit niedergeschlagen wurden, betrachteten nicht nur die Engländer, sondern vor allem die Unterlandschotten sie als Barbaren, als wenig besser als die „Wilden“ in Amerika. Nach dem Aufstand wurden die charakteristische Tracht und Waffen der Hochländer vorübergehend gesetzlich verboten und Versuche gemacht, ihre gälische Sprache durch das Englische zu ersetzen. Doch mit der Begeisterung für MacPhersons Ossian, der meistens unkritisch als eine Art Nationalepos Schottlands begrüßt wurde, und mit der Romantik am Anfang des 19. Jahrhunderts kam eine allmähliche aber deutliche Wende: Die Hochlandschotten wurden jetzt als die typischen Schotten verehrt, die Landschaft der Berge und Inseln auch als Inbegriff des Schottischen empfunden, und die Menschen in den Städten begannen, die alte ländliche Tracht (Schottenrock und Tartan) zu feierlichen Anlässen als Nationalkostüm Schottlands zu tragen. Heutzutage, wenn man an Schottland denkt, denkt man in erster Linie an Hochländer in Volkstracht, an Dudelsackmusik und an die schöne, wilde Landschaft der Highlands.

* Valär, Rico: Weder Italiener noch Deutsche! Die rätoromanische Heimatbewegung 1863-1938: Eine Publikation des Instituts für Kulturforschung Graubünden: Baden: Verlag Hier + Jetzt: 2013.

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