Großvaters Mantel

Bray liegt nur unweit von Dublin entfernt. Es ist heute ein Pendlerort. Mit dem DART, der effizienten S-Bahn, ist man in einer Stunde in der Stadt. Aber im frühen 20. Jahrhundert waren die räumlichen Verhältnisse anders. Das Dorf Bray war ein ziemlich vornehmer Ferienort am Meer, wo die Dubliner Bürger, die es sich leisten konnten, Villen für den Sommer mieteten. Auch Großvater hatte in Bray ein Haus gemietet und zog im Sommer für zwei Monate mit der ganzen Familie dorthin. Am Tag der Abreise waren die Kinder so aufgeregt, als reisten sie an die italienische Riviera. Mit gepackten Koffern fuhren sie im Taxi zum Bahnhof. Mein Vater erzählte immer, dies sei das einzige Mal gewesen, dass er in jungen Jahren Taxi gefahren sei.

Mehrere Sommer lang wohnten Großvater und seine Familie in den zwanziger Jahren dort am Meer. Dann gab es einen Streit mit dem Vermieter. Anscheinend verlangte dieser irgendeine Bezahlung, die Großvater nicht gewillt war zu zahlen. Großvater kündigte und weigerte sich weiterzuzahlen. Großvaters Mantel hing an einem Haken im Zimmer, wo die Diskussion stattfand. Der entrüstete Vermieter bemächtigte sich dieses Mantels und sagte: „Da Sie nicht zahlen wollen, behalte ich Ihren Mantel.“

Zurück in der Stadt erzählte Großvater dieses Ereignis zwei Kollegen beim Bier in einem Pub. „Und das Schlimmste ist“, sagte er, „dass ich diesen Mantel jetzt wahrscheinlich nie mehr zurückbekomme und der Herbst kommt und ich habe keinen Mantel.“

Die beiden Kollegen fanden das schlecht. Nun, in den zwanziger Jahren nach dem Freiheitskrieg und dem Bürgerkrieg waren noch viele Schusswaffen im Umlauf. Es stellte sich heraus, dass einer dieser Kollegen einen Revolver besaß. Die zwei Männer fuhren nach Bray und statteten dem Vermieter einen Besuch ab. Er empfing sie im gleichen Zimmer, wo die erhitzte Diskussion mit Großvater stattgefunden hatte, und fragte ahnungslos, was sie denn wünschten.

„Wir haben gehört, dass Sie den Mantel unseres Freundes zurückbehalten“, sagte der eine ohne viel Federlesens, „und wir sind gekommen, diesen zu holen.“ Er zückte den Revolver und legte ihn auf den Tisch. Entsetzt sprang der Vermieter auf und meinte: „Ich bringe ihn sofort.“ Nach wenigen Minuten verließen die beiden Kollegen das Haus in Bray im Besitze des Mantels.

So bekam Großvater seinen Mantel rechtzeitig zum Winter zurück und die Geschichte endete glücklich. Die Familie aber verbrachte ihre Sommerferien nie wieder in Bray.

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