Unser Mann in Berlin

Zum 75. Gedenktag der Kristallnacht hat man in Berlin und anderen Städten eine Ausstellung veranstaltet. In Berlin sieht man u.a. einen Bericht über die Ereignisse vom 9. November 1938 an die damalige irische Regierung, verfasst vom irischen Botschafter Charles Bewley, der die ganze Sache auf verblüffende Weise verharmloste. Kuratoren der Ausstellung bezeichneten den Bericht als „unbegreiflich“.

Wer war dieser Bewley? Eine schillernde Figur. Er stammte aus einer anglo-irischen, protestantischen Familie; dieselbe, die die berühmten Bewley’s Cafés in Dublin innehatte. Er war einer jener Anglo-Iren, die im frühen 20. Jahrhundert zu irischen Nationalisten wurden – wie Yeats, die Gräfin Markiewicz und ihre Schwester Eva Gore-Booth, Erskine Childers und andere mehr. Bewley konvertierte sogar zum Katholizismus. Aus irgendwelchen Gründen war er Antisemit. In Irland war Antisemitismus kaum je ein Thema; es gab und gibt dort wenige Juden. Doch diese bizarre Haltung von Bewley sollte ihm im historischen Zusammenhang zum Verhängnis werden.

Nach der Gründung des irischen Freistaates in den Zwanziger Jahren wurde Bewley Diplomat, erst in Rom am Heiligen Stuhl, dann 1933 in Berlin. Dort wurde Bewley rasch bekannt und beliebt, weil er sehr gut Deutsch konnte. Er hegte eine offene Sympathie für die neue Regierung in Berlin. Sein Antisemitismus spielte dabei sicher eine Rolle. Aber das schloss natürlich aus, dass er verfolgten Juden hilfreich sein könnte. Als Julius Pokorny, Professor für Keltologie in Berlin, wegen fehlenden Ariernachweises seine Stelle verlor, wandte er sich an die irische Botschaft. Er bekam weder Hilfe noch Unterstützung, und der NSDAP-nahe Ludwig Mühlhausen bekam seine Stelle.

Bewley, der bei den sich beschleunigenden Kriegsvorbereitungen in Europa dem neutralen Irland zur Last wurde, wurde 1939 entlassen und erhielt keine andere diplomatische Stelle mehr. Eine Zeitlang machte er Propaganda für das Dritte Reich, anscheinend von Goebbels belohnt. Auch in der Nachkriegszeit kehrte er nicht mehr in sein Vaterland zurück, sondern lebte als Privatmann in Rom im Exil. Er starb dort 1969. Von der irischen Öffentlichkeit wurde er vergessen.

Nur in der letzten Woche erschien ein Artikel in der Irish Times über die Kristallnacht-Ausstellung in Berlin und über die nachträgliche Empörung, die Bewleys verharmlosender Bericht unter den deutschen Historikern ausgelöst hatte. Ja, er war der falsche Mann, zur falschen Zeit, am falschen Ort.

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