Betrachtungen eines Schneemanns

Für mich braucht es an Weihnachten Schnee. Als ich Kind war, gab es in Irland nie Schnee, zumindest  nicht in Dublin. Wir hatten sehr milde Winter in den 1960er- und 1970er-Jahren, nicht wie jene, die man im neuen Jahrtausend schon erlebt hat. Aber ich sehnte mich als Kind nach Schnee. Warum wollte es nie schneien? Einmal fiel ein bisschen Schnee an Heiligabend, als ich ungefähr acht Jahre alt war. Das habe ich nie vergessen. Der Schnee lag in einer dünnen Schicht auf dem Boden vor dem Elternhaus. Ich war entzückt, betrachtete den Schnee wie die Israeliten das Manna in der Wüste. Aber am Weihnachtstag war der Schnee auch schon wieder weg. Traurig kam ich zum Schluss, Schnee zu Weihnachten gäbe es nur auf Weihnachtskarten.

Warum hat mir der Schnee so gefehlt? Warum geniesse ich Weihnachten jetzt so in den Alpen, wo es im Tal schon vor Weihnachten schneit (wie dieses Jahr zum 1. Advent)? Und wenn es im Tal mal nicht schneit, kann man in die Berge fahren und die weisse Pracht oben geniessen. Die Beziehung zwischen Schnee und Weihnachten ist keine logisch notwendige. Hat es in Bethlehem Schnee gegeben? Wohl kaum. Lukas und Matthäus sagen nichts von Schnee, als die Hirten und die drei Könige kamen*. Aber Weihnachten ist für uns sowieso mehr als nur ein christliches Fest, es ist auch ein Fest der Wintersonnenwende, ein Fest von Licht und Dunkel.

In Ländern wie Neuseeland ist alles verkehrt: Am 25. Dezember haben die Hochsommer. Meine Verwandten dort haben mir von Sommerferien erzählt. Sie machen am Weihnachtstag Ausflüge an den Strand und braten unter blauem Himmel Truthahn auf dem Grill. Für mich ist das kaum vorstellbar. Aber auch in Südeuropa ist Weihnachten nicht so kritisch. Kein Schnee oder kaum welchen. Für die Griechen ist Ostern wichtiger.

Wir Iren und auch andere in unseren Breitengraden haben eine nordeuropäische Einstellung zur Weihnachtszeit: Die Nächte sind lang, dunkel und kalt, das Licht der Sonne fehlt, und wir brauchen einen Aufsteller – ein Fest mitten im Winter.

Und das mit dem Schnee und dem kleinen Knaben? Viele Aspekte unserer Empfindsamkeit werden uns von den Gemeinplätzen der Kunst und Dichtung vermittelt, nicht von der Wirklichkeit selbst. Und wenn die Wirklichkeit den vermittelten Bildern nicht entspricht, sind wir irgendwie enttäuscht, ohne den Grund unserer Enttäuschung zu verstehen.

*Momentan schneit es im Heiligen Land – ausnahmsweise!

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