Geistig abwesend

In der heutigen Welt ist die Migration ein häufiges Phänomen. Das irische Volk hat mehr Erfahrung mit der Migration als manches andere. Millionen von Iren sind in den letzten zwei Jahrhunderten ausgewandert. Wie ich etwa, nach Nordamerika. Jetzt, da ich zurück in Europa bin, erlebe ich die Immigration von Menschen aus aller Welt. Und ich erinnere mich, wie es bei mir einmal war.

Die Menschen kommen hierher, sie leben und arbeiten. Geistig, innerlich jedoch sind sie in der Heimat geblieben. Sie träumen von der Heimat, im Schlaf sprechen sie die Sprache der Heimat. Alle ihre Voraussetzungen, ihre Vermutungen, ihre Gemeinplätze sind die der Heimat, nicht die von hier. Sie sind hierher gekommen, aber nur physisch. Sie sind „geistig abwesend“. Nur der Körper ist eingewandert, die Seele ist in der Heimat geblieben.

Das möchte ich mit dem Begriff „äußere Immigration“ bezeichnen. Es hat bekanntermaßen eine „innere Emigration“ gegeben, im Dritten Reich: Schriftsteller, die nicht auswanderten, zogen sich zurück und schrieben nur für sich. Die innere Emigration bot sich als Lösung an, denn der Mensch reagiert nicht nur auf seine jeweilige Umwelt, er hat auch ein Innenleben. Und wenn das Innenleben dem äußeren Leben nicht entspricht, lebt man in zwei Welten: Man ist zu Hause in der einen und ein Gast, oder vielmehr ein Schatten, in der anderen.

Die äußere Immigration bietet sich als Lösung oder als Schicksal an, wenn es zwischen Heimat und Auswanderungsland einen großen Unterschied gibt. Die Menschen, die hier heimisch sind, sehen das zwar nicht gerne: Warum passen sich die Exoten nicht an, warum integrieren sie sich nicht? Sie versuchen, die heimischen Verhältnisse aufrechtzuerhalten, indem sie in Ghettos leben oder hauptsächlich mit Landsleuten verkehren.

Doch die äußere Immigration bleibt eine Tatsache. Mit der Zeit wird es nicht besser, sondern die Tendenz verstärkt sich im Leben der Immigrierten. Wenn am Anfang noch alles neu erschien, versuchten sie vielleicht, sich neu zu erfinden, jedoch im Laufe der Zeit kehren sie in ihrem Innern zum alten Muster zurück. So altern sie in Resignation. Ihre eigenen Kinder, die im Gastland aufgewachsen sind, wissen das allerwenigste davon. Experto credite…

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