Eingeborene Siedler

Wir Iren sind Kolonisten oder Siedler im eigenen Land. Wir haben diesen Siedlerstatus von den Engländern übernommen. Vor Jahrhunderten waren die Engländer die Siedler und die Iren die Eingeborenen. Immer wieder konnten die Iren die neuen Siedler integrieren. Diese wurden „níos Gaelaí ná na Gaeil féin“, irischer als die Iren selbst. So ging es mehrere Jahrhunderte lang. Später, im 17. Jahrhundert und danach, kamen jedoch Siedler, die sich niederließen und sich nicht integrierten. Sie blieben protestantisch und lernten kein Irisch, was sie von den Eingeborenen isolierte. Die irischen Adeligen wurden allmählich verdrängt, vertrieben und durch Engländer ersetzt.

Englische Versuche, das irische Problem mit Genozid zu lösen, blieben erfolglos, doch im 19. Jahrhundert ergab sich die Möglichkeit, die Massen kulturell zu verändern. Die irische Bevölkerung, die grundsätzlich irischsprachig und irischer Kultur war, wurde unter Druck gesetzt und gezwungen, die englische Sprache zu adoptieren, obwohl sie katholisch blieben und ihre Volkskultur mehr oder minder irisch blieb. Das wurde durch die neue obligatorische Schule erreicht, die in anderen Ländern Europas bei Sprachminderheiten ähnliche Resultate erzielte. Die Hungersnot von 1847 hat auch „geholfen“.

Heutzutage sind wir „die Iren“, doch wer ist das? Wir haben die Chance verpasst, die irische Sprache wiederzubeleben, und sind beim Englischen geblieben. Das macht es einfacher, uns kennen zu lernen, für ausländische Besucher wie die Deutschen, die sowieso Englisch lernen. Doch wir haben den Schlüssel zum eigenen Haus verloren. Wir haben zwar eine instinktive Beziehung zur Landschaft, wenigstens wenn wir auf dem Lande leben, aber die Ortsnamen in ihrer verzerrten englischen Form sind uns ein Buch mit sieben Siegeln. Wir haben die Kontinuität mit den früheren Generationen, die in Irland gelebt haben, verloren.

Als ich auswanderte, brauchte es Zeit, bis ich das verstand. Auf Vancouver Island sah ich Indianer und in Neuseeland sah ich Maori, gehörte aber als Einwanderer zu den „Weißen“, den Siedlern. Als ich mich aber instinktiv mit den anderen zu identifizieren begann, begriff ich, dass wir Iren Indianer sind, oder sein sollten, obwohl wir inzwischen zu Siedlern geworden sind. In diesen drei Inselreichen hatte es Siedler und Eingeborene gegeben, doch nur im unabhängigen Irland waren die Siedler weggezogen und die Eingeborenen selber zu Siedlern geworden. Siedler im eigenen Land. Das aber darf in Irland niemand zugeben.

 

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