Eingeborene Siedler (2)

Es scheint zwischen Siedlern und Eingeborenen keinen dauerhaften Frieden geben zu können. Denn die Siedler haben mit dem Land etwas grundsätzlich anderes vor als die Eingeborenen. Deshalb müssen die Eingeborenen in langen Kriegen aussterben oder aber selber zu Siedlern werden. Es gab den Versuch, aus ehemaligen Eingeborenen Siedler zu machen – in der jüngeren Geschichte von Irland, Vancouver Island und Neuseeland, jenen drei Inselreichen, auf denen ich gelebt habe. Dazu musste der Missionar her – wie in Kanada und Neuseeland – oder der Schulmeister – wie in Irland.

Auf Vancouver Island brachte der Missionar mit seiner Bibel und seinem Gesangbuch nur kulturelle Zerstörung; alles Übrige erledigte die Pockenepidemie von 1862. Der Preis der Modernisierung war einfach zu hoch, als dass ihn die Indianer hätten bezahlen können. Sie waren ja sowieso nie eine große Bevölkerung gewesen. In Irland kam der Schulmeister mit seiner Englischfibel, und die Hungersnot von 1847 erledigte den Rest. Doch die Bevölkerung war groß und überlebte. Der Preis, den es zu zahlen galt, war sehr hoch, aber die Überlebenden haben ihn gezahlt. Die Eingeborenen sind zu tüchtigen Siedlern geworden, schließlich in einer unabhängigen Republik.

Könnte man die ganze traurige Geschichte irgendwie rückgängig machen? Könnten Siedler zu Eingeborenen werden – die Iren zu jenen Eingeborenen, die sie einst waren, die Westkanadier und Neuseeländer zum ersten Mal?

In Westkanada scheint es unmöglich, dass die Siedler zu Indianern werden könnten. Die Weißen sind erst vor anderthalb Jahrhunderten gekommen. Sie haben mit den Eingeborenen historisch und ethnisch nichts gemein. Die Indianer haben selber Mühe zu überleben. Die Weißen betrachten sie als „Verlierer“, und in der nordamerikanischen Gesellschaft gibt es nur Gewinner und Verlierer – gewinnen ist alles. Trotzdem gibt es die wunderbare Indianerkunst der pazifischen Küste und Weiße, die diese heutzutage schätzen und sich sogar mit ihr identifizieren. Insofern besteht mehr Hoffnung auf eine Wende als je zuvor.

Auch in Neuseeland sind die Weißen, die Pakeha, erst vor anderthalb Jahrhunderten angekommen. Es gibt längst eine Bewegung, den Pakeha in der Primarschule die Maori-Sprache beizubringen. Es werden vom neuseeländischen Staat, der übrigens auch Aotearoa heißt, Symbole der Maori übernommen. Und einige Pakeha hegen gar den Wunsch, die Lebensweise und Ethik der Maori zu adoptieren. Die Maorisierenden sind und bleiben eine Minderheit. Andererseits sind die Maori aus dem heutigen Neuseeland nicht wegzudenken (sie bilden 14% der Bevölkerung) und haben immer noch ihre eigene Sprache, obwohl sie unglaublich viel gelitten haben.

Denken wir schließlich an Irland. Könnten unsere „Siedler“ wieder zu Eingeborenen im eigenen Land werden? Sie müssten einiges aufgeben und es würde einiges kosten. Wären sie bereit, diesen hohen Preis zu zahlen? Der keltische Tiger ist tot und begraben, doch der amerikanische Traum von Gewinnern und Verlierern gilt weiterhin als Ideologie bei uns. Ich sehe noch keine radikale grüne Bewegung, die im ökologischen aber auch im kulturellen Sinne „grün“ wäre.

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Eine Antwort zu “Eingeborene Siedler (2)

  1. Das ist ein wirklich sehr aufschlußreicher Artikel und weist wieder einmal darauf hin, daß man eigentlich recht wenig weiß und wenn man nicht mit der Nase darauf gestoßen wird, auch recht wenig erfährt.Früher habe ich über diese Themen sehr viel gelesen, aber inzwischen drängen sich ja immer die zeitgemäßen Anlässe in den Fordergrund. Also, mir hat es gefallen und gibt mir Anaß, mal wieder über verschiedene Themen nachzudenken- LG 🙄 Lewi

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