Eingeborene Siedler (3)

Es gibt viele Menschen, die eine Beziehung zur Landschaft, zu einer bestimmten Landschaft, suchen, und die dorthin gehen und sich auf dem Land ein Haus bauen. Es gibt auch Menschen, die dies als wichtige Teilzeitbeschäftigung betreiben und sich auf dem Land eine Zweitwohnung oder ein Ferienhaus kaufen.

Ferner kennen wir alle „Aussteiger“, die Karriere oder Studium aufgegeben und ein Grundstück auf dem Lande gefunden haben, die dort Gemüse anpflanzen und ernten und anscheinend glücklich sind. Das tönt modern; man denkt an die Hippies der 60er Jahre; aber solche Menschen hat es immer gegeben. Sie bilden sogar einen Archetyp. Man denke an die Wüstenväter der Spätantike oder an die mittelalterlichen Einsiedler im Urwald. Amerikaner denken freilich an Thoreau, der am Teich Walden in der Einsamkeit gelebt und ein Buch darüber geschrieben hat. Im irischen Kontext denkt man natürlich an Yeats und seine „Lake Isle of Innisfree“; er liess sich von Thoreau inspirieren. Gleichgesinnte Einsiedler bilden oft eine Bewegung. Man denke an die Kibbuzniks des 20. Jahrhunderts, deren Ideal darin bestand, in das gelobte Land zurückzukehren und die Wüste aufblühen zu lassen.

Diese Lösung ist am Anfang individualistisch, hat aber oft auch eine politische, eine ideologische oder eine patriotische Dimension. „Zurück aufs Land“ wird zum Programm. Stefan George schrieb:

Kehr in die heilige heimat
Findst ursprünglichen boden
Mit dem geschärfteren aug
Schlummernder fülle schooss
Und so unbetretnes gebiet
Wie den finstersten urwald.

Man sucht eine Beziehung zur Landschaft, zum eigenen oder einem geliebten fremden Land. Man hört die Landschaft sprechen. Yeats will eben nach Innisfree

For always night and day
I hear lake water lapping with low sounds by the shore;
While I stand on the roadway, or on the pavements gray,
I hear it in the deep heart’s core.

George meinte auch, dass die Landschaft spricht und ein Geheimnis hegt:

Horch was die dumpfe erde spricht:
Du frei wie vogel oder fisch –
Worin du hängst · das weisst du nicht.

Hier steckt der Mensch in einer Landschaft, deren Tiefe er nicht kennt. Was, wenn die Landschaft eine Sprache spricht, die der Siedler nicht versteht? Ein Deutscher, der sich ein kleines Haus in Irland kauft, könnte so etwas spüren. Doch die modernen Iren befinden sich in der gleichen Lage. Denken wir an den Namen Innisfree. Für Yeats hatte dieser Name zweifellos eine heimliche Bedeutung: Das englische Wort „free“ war darin, auch vielleicht so etwas wie „inner“. Auf dieser Insel lebend, könnte man innerlich frei sein. So haben wir als Schüler das Gedicht verstanden. Aber es stimmt nicht: Innisfree ist nur eine holprige Anglisierung des irischen Namens „Inis Fraoigh“, Insel des Heidekrautes.

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