Das Geheimnis des Bergsees

Die Alpen sind eine Landschaft, die der Insel- oder Küstenmensch bewundern kann, in der er sich aber niemals heimisch fühlen wird. Doch das sollte niemanden überraschen. In den Alpen stehen die Berge, diese lauernden Riesen, und sie haben hier das Sagen. Auch unter der Sonne des Frühlings herrschen Schnee und kühle Luft. Der Insel- oder Küstenmensch fühlt sich hier fremd und verloren. Sucht er Wasser, findet er höchstens einen Bergsee. Das erinnert mich an ein kurzes Gedicht von Andri Peer, einem modernen Bündnerromanischen Dichter. Das Gedicht heißt, „Lai sül cuolmen“ (Bergsee):

Il lai fa spejel                            Der See spiegelt
eir a quel                                    auch den,
chi nu guarda                           der nicht hineinblickt.
L’at piglia in barat                  Er nimmt dich in Tausch
inter ed intrat                          ganz und gar,
surriaint,                                   lächelnd,
intant                                         während
cha tü vast                                du
ingrat                                         undankbar
inavant                                      weitergehst.

Der Bündner Schriftsteller Iso Camartin, der heute 70 wird, zitiert dieses Gedicht in seinem Buch Von Sils-Maria Aus Betrachtet und meint, dies sei eine Aussage über die Sachlage des Dichters selbst. Er schreibt: „Es ist das Los der Dichter kleiner Sprachgemeinschaften, dass die Menge nicht undankbar, aber unwissend an ihnen vorbeigeht.“

Ich bin hier bei einem Thema, das ich schon mehrmals erörtert habe: bei der sprechenden Landschaft, die sich in einer bestimmten Sprache ausdrückt, und bei deren Besuchern, Bewohner und auch Zuzüger, die diese Sprache nicht verstehen. Ich sehe das in Irland und auch hier im Bündnerland. Man kann in einer Landschaft wohnen, ohne sie zu verstehen, man kann die Botschaft dieser Landschaft überhören, auch in den begnadeten Augenblicken, in denen sie von Angesicht zu Angesicht zu einem spricht. Man kann sich zufällig im Wasser eines Bergsees spiegeln lassen, ohne das Spiegelbild wahrzunehmen.

Camartin schreibt: „Manchmal wünsche ich mir, es fänden sich wenigstens einige im Jahr, die nicht nur wegen des Schnees, der Berge, des Lichts und der Seen hier unterwegs wären, sondern weil diese Welt eingehüllt ist in eine fremden Sprache, die erst zu erschließen wäre.“ (S. 148)

Deswegen habe ich Rätoromanisch gelernt: Ich wollte, dass sich mir die Bündner Landschaft erschließe. Ist es mir gelungen? Ich bin mir nicht sicher. Man findet Grenzen in der Landschaft, Grenzen in sich. In einer fremden, auch einer vertraut gewordenen Landschaft, muss man schließlich innehalten und bekennen, dass man hier ein Gast ist, nicht ein Einheimischer. Es gilt, Respekt vor diesen Grenzen zu haben. Ein für allemal ins ruhige Wasser schauen und sich gespiegelt sehen. Hier wäre Heimat, denkt man, für jemanden, aber nicht für mich. Und man verlässt das Ufer des stillen Bergsees und zieht weiter.

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