Behan, Brecht und Theodorakis

Vor 50 Jahren, im Frühling 1964, verstarb der Dubliner Schriftsteller Brendan Behan. Ich erinnere mich an ihn, als er noch lebte. Auch als Kind in Dublin wusste man, wer Behan war. Sowohl als literarisches Genie als auch als Kneipenheld war er eine bekannte Persönlichkeit in der Stadt.

Als Autor, als Mensch, war Behan einmalig. Er war ein belesener Ungebildeter: kein Bildungsbürger, sondern ein echter Proletarier. Er schrieb sowohl auf Irisch als auch auf Englisch; und wenn er schrieb, traf er immer genau den Ton der kleinen Leute. Er verfasste Romane, autobiographische Schriften und Theaterstücke. Sein Stück An Giall, in englischer Fassung The Hostage, wurde 1958 in England von Joan Littlewood aufgeführt, ganz im Geist von Brechts epischem Theater. Behan war für das Brecht’sche Theater natürlich prädestiniert. Sein Klassenbewusstsein war größer als sein irischer Nationalismus. Sein Humor war scharf und subversiv. Er hasste alles Prätentiöse, verspottete es und stellte es gerne bloß.

Die Lieder und Gedichte aus Behans Stück wurden von Vassilis Rotas ins Griechische übersetzt und von Theodorakis vertont. Maria Pharantouri sang diese Lieder und sie wurden in Griechenland sehr bekannt. Ebenfalls bekannt wurde das Stück selbst, unter dem Titel Énas Ómiros; es wird auf griechischen Bühnen heute noch aufgeführt. Die Lieder gehören mittlerweile zum festen Theodorakis-Repertoire. Ein bekanntes Beispiel wäre „To gélasto paidí” oder „Laughing boy”, ein Klagelied über den im irischen Bürgerkrieg gefallenen Michael Collins. Ein anderer Hit war „The captains and the kings”, griechisch „Lóchagoi kai Basiliádes”, Behans satirisches Gedicht über das Ende des britischen Imperialismus am Ende der 50er Jahre, vor allem in Zypern und Kenia. Heute kann man die Vertonungen von Behan selbst und die von Theodorakis im Internet vergleichen [s. Links].

Es ist kein Zufall, dass Behan und Theodorakis, obwohl sie sich persönlich nicht kannten, soweit ich weiß, ein gemeinsames künstlerisches Produkt geschaffen haben. Vom Temperament her müssten sich die beiden gut verstanden haben. Beide waren Rebellen, „verzweifelt, wenn da nur Unrecht war und keine Empörung“ *, wie es bei Brecht heißt. Auch für ihre eigene Seite waren sie oft unbequeme Genossen. Im Allgemeinen sind sich die Griechen und wir Iren ähnlich: Wir sind instinktiv Rebellen, jahrhundertelanger Widerstand und Trotz gegen fremde Eroberer haben unsere beiden Völker geprägt.

Behan ist in der Dubliner Gedankenwelt immer noch derart präsent, dass es schwierig ist zu glauben, dass er tot ist. Schon vor 50 Jahren soff sich der große Kneipenheld zu Tode. Theodorakis dagegen lebt noch. Als Künstler und als Mensch hat er gescheiter gehandelt. Doch beide könnten mit Brecht sagen:

„Ich vermochte nur wenig. Aber die Herrschenden
Saßen ohne mich sicherer, das hoffte ich.
So verging meine Zeit
Die auf Erden mir gegeben war.“ *

 

* „An die Nachgeborenen“.
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