Jungfernfahrt

Das einzige deutsche Wort, das mein Vater je in den Mund genommen hat, war ein ziemlich langes: „Bürolandschaft“. Dabei handelte es sich um das Quickborner System der Innenarchitektur, das Bürokratien demokratisieren sollte, indem Manager und Angestellte in einem einzigen offenen und frei gestalteten Raum ohne Trennwände arbeiteten.

Damals vor 50 Jahren, war mein Vater Gewerkschaftsführer in Irland. Er und seine Kollegen wollten die Arbeitswelt demokratisieren. Auch die Arbeitgeber witterten, dass etwas in Bewegung gekommen war. In der großen Versicherungsanstalt, wo mein Vater arbeitete, war man von der neuen Idee „Bürolandschaft“ begeistert. Das Unternehmen hatte gerade ein nagelneues Gebäude an einem malerischen Ort nahe dem großen Kanal, also außerhalb der Dubliner Stadtmitte, bezogen. Alles schien möglich: ein gutes Leben für alle, Lebensqualität auch am Arbeitsplatz. Um funktionierende Bürolandschaften zu inspizieren, schickte die Versicherungsanstalt eine Delegation ins Ausland: Belgien, Deutschland und Schweden. Als firmeninterner Gewerkschaftsführer wurde mein Vater eingeladen.

Ich erinnere mich an den Tag, vor 50 Jahren, als wir ihn zum Flughafen begleiteten. Ich war mit der Welt des internationalen Verkehrs kaum vertraut. Nachdem das Flugzeug abgeflogen war, ging die Familie ins Restaurant, um eine Tasse Tee zu trinken. Ausser uns war niemand dort, bis ein Amerikaner hereinkam und sich an einem Tisch setzte. Zum herbeieilenden Kellner sagte er mit lauter Stimme: „Can ya gimme a quick steak? I got a flight in half an hour.“ Ich war sehr beeindruckt. Ja, das war eine fremde Welt, und mein Vater gehörte jetzt dazu.

Nach drei Wochen war Vater zurück. Sie waren in Belgien gewesen, in Deutschland und vor allem in Schweden. Er hatte sich für die fremden Menschen interessiert, besonders in Stockholm, wo ihre Gastgeber alle gut Englisch sprachen (er selbst konnte keine Fremdsprachen).

Was mich daran aber am meisten interessierte, war die Wasa. Das war ein schwedisches Kriegsschiff, das 1628 auf seiner Jungfernfahrt verunglückte. Die Wasa schaffte es nur bis zum Ausgang des Stockholmer Hafens, dann kenterte sie. König Gustav Adolf, der das neue Schiff bestellt hatte, war wütend, aber er befand sich in Deutschland mitten im Dreißigjährigen Krieg und hatte keine Zeit, diese Katastrophe gründlich zu untersuchen. Dort auf dem Meeresboden vor Stockholm lag das Schiff, bis man es im Jahre 1961 barg und in einem eigens dafür geschaffenen Museum ausstellte. Mein Vater hatte ein kleines Bilderbuch über das Schiff nach Hause gebracht, das ich mit großem Interesse las.

Über die Bürolandschaft weiß ich hingegen nicht viel zu berichten. Ich bin nicht sicher, ob die große Vision schließlich umgesetzt wurde. Langsam schien mein Vater seine Reise nach Europa und die Menschen, die er kennengelernt hatte, zu vergessen. In seiner Karriere als Gewerkschaftsführer war das Ganze nicht von besonderer Bedeutung. Mit den neuen Perspektiven wusste er vermutlich nichts anzufangen. Es war noch zu früh: Irland wurde erst 1972 Mitglied der Europäischen Gemeinschaft.

Ich aber habe die Wasa nie vergessen, jenes prächtige, so vielversprechende schwedische Kriegsschiff, das es kaum aus dem Hafen schaffte, dafür aber jahrhundertelang erhalten blieb. Als Junge träumte ich immer wieder davon, nicht nur die Wasa aus ihrem langen Schlaf in den Tiefen zu holen, sondern in ihr die sieben Meere zu erkunden.

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