Zur Marschsaison

Diesmal ging alles relativ ruhig über die Bühne. In Nordirland gibt der 12. Juli jedes Jahr Anlass zu Unruhen im Volke und Straßenschlachten mit der Polizei, aber dieses Jahr scheint es sich in Grenzen gehalten zu haben. Sowohl Oranier und Loyalisten als auch Nationalisten haben eingesehen, dass dies ein Spiel ist, bei dem niemand gewinnt, und die neue nordirische Polizei scheint sich zu bemühen, unparteiisch und gelassen ihre Pflicht zu tun, was in Nordirland früher nie der Fall war.

Oraniermärsche am 12. Juli (in ganz Nordirland) und am 12. August (in der Mauerstadt Derry) sowie die patriotischen Gegenmärsche der anderen Seite verursachten immer Krawalle Im Sommer spricht man in Nordirland nicht von der „Hochsaison“ oder „Touristensaison“, sondern von der „Marschsaison“. Es gibt eine regelrechte Marsch- und Paradekultur in Nordirland: Sie begann auf protestantischer Seite mit dem 12. Juli, und wurde dann von der katholischen Seite weitergeführt. Sollte man diese lästige Marschkultur nicht einfach abschaffen?

Sehen wir die Dinge doch von der positiven Seite: Der „Twalfth“, die Parade am 12. Juli, ist ein Grundpfeiler der kulturellen Identität der Loyalisten. Sie ist so wichtig wie der Karneval im Rheinland oder in Rio de Janeiro, wenn ich mich so ausdrücken darf. Die Menschen begehen das Fest mit viel Freude und Energie. Es ist auch sehr bunt. Die großen Gruppen von Oraniern, die „Logen“, in ihren orangefarbenen Schärpen und schwarzen Melonen, die Blaskapellen, die Trommler und die großen Banner sind beeindruckend. Ich sah sie in meiner Kindheit in den Sommerferien in Derry und werde die Begeisterung, die ich fühlte, nie vergessen.

Leider gibt es auch die andere, negative Seite: Man kann nicht leugnen, dass mit diesen Märschen, vor allem jenen vom 12. Juli und 12. August, auch die Provokation und Einschüchterung der nationalistischen Bevölkerung bezweckt wurden. Die Gefühle, die diese Anlässe bei Menschen beider Konfessionen auslösen, sind echt und stark. Es geht um gegenseitigen Hass und Verachtung. Unter diesen Umständen kann die Sachlage sehr schnell eskalieren. Alkoholgenuss während des Festes spielt dabei auch eine bestimmte Rolle.

In diesem Zusammenhang müsste man den „Twalfth“ nicht nur mit dem Karneval vergleichen, sondern auch mit den Ku-Klux-Klan-Märschen in den Südstaaten der USA, die es lange Zeit gab. Dort standen Provokation und Einschüchterung immer an der Tagesordnung. Es kommt natürlich darauf an, ob und wie man sich angesprochen fühlt. Wenn ich als Tourist in Amerika einem solchen Marsch beiwohnen würde – vermummte Marschierende mit weißen Hauben unter der alten Flagge der Konföderierten empfände ich es als folkloristisch. Ein Schwarzer oder ein Jude sicher nicht.

Diese Märsche in Nordirland und anderswo sind eine Art Kriegstanz. In anderen Ländern Europas sind patriotische und konfessionelle Prozessionen kein Anlass mehr für starke Gefühle oder Gewalt. Man ehrt sie als identitätsstiftend oder aber man akzeptiert sie als Tradition der anderen, man duldet sie, oder man ignoriert sie, je nachdem. Ich hoffe auf eine Zukunft in Nordirland, in der sich Menschen beider Konfessionen frei fühlen, den Oraniermarsch mit seinen bunten und schneidig spielenden Blaskapellen zu genießen. Ich weiß, das ist freilich Zukunftsmusik.

 

 

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