Zwei Sprachwelten

In der irischen (gälischen) Sprache gibt es eine zeitgenössische Literatur und eine rege Schreibtätigkeit, die von Ausländern und auch von englischsprachigen Iren kaum beachtet wird. Trotzdem besitzt die Sprache seit dem Frühmittelalter eine altehrwürdige literarische Tradition.

Historisch gesehen war der Literaturbetrieb in Irland von aristokratischen Gönnern abhängig, und als der irische Adel am Ende des 17. Jahrhunderts durch die Engländer vertrieben wurde, blieben die Literaten ohne Unterstützung. Sie verfielen langsam in den Bauernstand. Bis ins frühe 19. Jahrhundert schrieben die letzten Barden, die in ländlichen Gebieten irgendwie ein Schattendasein führten.

Später im 19. Jahrhundert, vor allem nach der großen Hungersnot, die die irischsprachige Bevölkerung drastisch reduziert und die Verbreitung des Englischen entsprechend verstärkt hatte, entstand eine patriotische Bewegung, die nunmehr gefährdete irische Sprache zu erhalten und zu modernisieren. Die ersten modernen Bücher wurden gedruckt und veröffentlicht, jedoch nur wenige. Nach der Erlangung der irischen Unabhängigkeit wurde die Sprache standardisiert, und Schriftsteller hatten die Möglichkeit, literarische Werke für ein bescheidenes Publikum zu veröffentlichen. Das große literarische Geschäft blieb beim Englischen. Die international anerkannten Autoren schrieben auf Englisch und hatten ihren Markt im Ausland. Einige Autoren wie Liam O’Flaherty und Brendan Behan schrieben in beiden Sprachen.

Grundsätzlich ist dies bis heute so. Es gibt nur wenig Austausch zwischen den Literaten in beiden Sprachen, denn die englischsprachigen lesen die irischsprachigen kaum. Andererseits gibt es Diskussionen und Debatten in irischer Sprache, die es im Englischen nicht gibt. Die Tatsache, dass man in einer anderen Sprache als der Weltsprache Englisch schreibt, bedingt eine andere Perspektive und andere Themen. Leider werden diese Themen von den englischsprachigen Medien in Irland meistens nicht übernommen.

Ich veröffentliche seit ungefähr 20 Jahren auf Irisch. Ich finde unter den Irischsprachigen ein verhältnismäßig offenes Ohr für Diskussionen über Europa sowie dessen Sprachen und Kulturen. Ich versuche immer, europäische Themen zu übernehmen und diese aus einer irischen Perspektive zu behandeln. Im Englischen wäre das kaum möglich, da Schreiber und Leser sich nur für die angelsächsische Welt interessieren; es werden nur britische und amerikanische Denker und Schriftsteller gelesen, zitiert, diskutiert – auch zum Thema Europa.

 

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