Die schwere Last der Terminologie

Terminologie ist ein wichtiges Nebenfach des Übersetzens. In technischen und wissenschaftlichen wie auch in bürokratischen und journalistischen Bereichen gibt es immer wieder Fachausdrücke, termini technici, die es zu übersetzen gilt. Es macht nur Sinn, wenn der Übersetzer als regelmäßige Nebenbeschäftigung versucht, für jeden Fachausdruck in der Ausgangssprache eine passende Übersetzung zu finden, und diese übersetzten Wörter und Ausdrücke für den späteren Gebrauch auflistet. Es gibt schon zweisprachige Fachwörterbücher in verschiedenen Bereichen und heutzutage versucht man, den ständigen Entwicklungen in der Terminologie gerecht zu werden, indem man diese online zur Verfügung stellt.

Das Kreuz mit der Terminologie besteht darin, dass das Wort eine ihm innewohnende Kraft besitzt, dass es fähig ist, sich, wenn nicht als Lehnwort, dann als Lehnprägung oder Calque, in die Zielsprache hineinzuschmuggeln. „Ich existiere in meiner Sprache“, scheint es zu sagen. „Warum existiere ich nicht bei euch?“ Wenn die zu übersetzende Sprache einen Fachausdruck hat und die Zielsprache nicht, hat die Ausgangssprache das Sagen; und wenn viel oder nur aus dieser Sprache übersetzt wird, kann sie die Zielsprache kräftig beeinflussen oder sogar umformen.

Es gibt eine effiziente Terminologie-Seite für die irische Sprache, http://www.focal.ie, die ich manchmal beim Schreiben benutze, denn die modernsten Wörter und Ausdrücke fehlen in den großen Wörterbüchern, die inzwischen dreißig bis fünfzig Jahre alt sind. Wenn ich mit diesem System arbeite, werde ich aber langsam von Unbehagen erfüllt. Man verliert sich im Wirrwarr der irischen Äquivalente für diesen und jenen Begriff aus dem bürokratischen Leben. Immer ein irisches Äquivalent für einen englischen Fachausdruck – nie das Gegenteil.

Man fragt sich, inwieweit diese gewaltigen Ressourcen überhaupt benutzt werden, wenn nicht von denjenigen Bürokraten, die ihr Leben damit verdienen, dass sie englisch verfasste Brüsseler und Dubliner Dokumente ins Irische übersetzen. Ich denke unwillkürlich an meinen Bekannten, den rätoromanischen Schriftsteller Leo Tuor, der sich über die fleißige Terminologiearbeit im Standardromanischen lustig macht, da es um eine Terminologie geht, die fast niemand benutzen wird, weil technische Dinge im Bündnerland sowieso auf Deutsch besprochen werden.

Der gemeinsame Faktor ist die Einseitigkeit des Übersetzens. Es wird immer nur aus einer Sprache ins Irische oder ins Romanische übersetzt. Andere Sprachen werden kaum beachtet. Die Welt wird von den Sprechern immer durch das Vergrößerungsglas des Englischen bzw. des Deutschen gesehen. Was eigentlich alles verzerrt. Andererseits beherrschen die Sprecher, für die die Übersetzungen von Texten und Termini gemacht werden, sowieso die andere Sprache und werden die Dokumente wohl eher im Original lesen als in der Übersetzung. Inzwischen hat sich aber eine regelrechte Übersetzungsindustrie entwickelt, besonders im Fall des Irischen. Das Geld ist da von Brüssel oder vom irischen Staat, um alles brav zu übersetzen, und daher gibt es Arbeitsplätze für irischsprachige Hochschulabsolventen, die es vorher nicht gab. Ein Sieg! Wir Irischsprachigen machen Fortschritt. Oder?

Ich denke mir nur, die Ressourcen könnten besser eingesetzt werden. „Weg vom Übersetzen und vom übersetzten Denken“ würde ich den fleißigen irischen Kollegen raten. „Wir schreiben unser eigenes Zeug, und basta. Dann haben wir etwas zu sagen, das uns und unserer Sprache wirklich gerecht wird.“

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Eine Antwort zu “Die schwere Last der Terminologie

  1. „Weg vom Übersetzen und vom übersetzten Denken“ würde ich den fleißigen irischen Kollegen raten. „Wir schreiben unser eigenes Zeug, und basta. Dann haben wir etwas zu sagen, das uns und unserer Sprache wirklich gerecht wird.“ Zitat Ende
    Mit deinem Intellekt wäre das bestimmt eine gute Sache.

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