Missionare (2)

Im 20. Jahrhundert war es unmöglich, dass einer in Irland aufwächst, ohne etliche Missionare persönlich zu kennen. In meinem Fall waren es Jesuiten. Die Patres hatten überall Schulen, doch wir hörten meistens von Afrika. Unser Lateinlehrer, zum Beispiel, ein Pater in den Vierzigern, ging nach Sambia, wo er in einem lokalen Äquivalent unseres Gymnasiums lehrte. Er schrieb uns Briefe nach Hause. Wir lernten von ihm sogar ein paar Wörter in der lokalen Tonga-Sprache: kokala kabotu war anscheinend ein Gruss.

Es gab viele irische Orden, die in der dritten Welt Missionen hatten, vor allem in Afrika. Damals kannten alle jungen Leute Priester und Nonnen, die in Afrika oder anderswo missionierten. Man sah sie ab und zu in der Ferien: sonnengebräunt, komisch unangepasst, aber im Grunde genommen so irisch geblieben wie wir. Sie hatten immer Geschichten über wildfremde Menschen und exotische Verhältnisse zu erzählen.

Bei den Missionen in der dritten Welt ging es nicht wirklich um Solidarität mit Gleichgestellten. Nein, es hieß immer: Wir gehen und geben ihnen von dem, was wir haben, von unserm Wissen, von unserm Glauben. Wir opfern uns auf, sie profitieren.

Auch die Frankokanadier schickten viele Missionare, wie ich später in Kanada erfuhr. Der Grund war vielleicht derselbe: Mangel an politischer Macht. Während andere Nationen Imperien gründeten, mussten wir Iren und Frankokanadier uns mit der Mission zufriedengeben. Tatsächlich haben die Frankokanadier die Afrique noire francophone evangelisiert, die Iren hingegen die britischen Kolonien. Im großen irischen Priesterseminar Maynooth wurde die spirituelle Eroberung Schwarzafrikas systematisch geplant. Das war ein sanfter Imperialismus, eine zweite Welle der Kolonisation nach den Kriegsschiffen und Kanonen.

Jetzt ist es nicht mehr so in Irland. Die Missionare, von denen man hört, sind alte Menschen, die so lange in der Ferne gelebt haben, dass sie lieber dort bleiben, als nach Irland zurückzukehren. Und es gibt kaum neue Priester und Nonnen, geschweige denn Missionare. Aber etwas hat die einstige Missionstätigkeit ersetzt: die Entwicklungshilfe. Es gibt heutzutage zahlreiche junge Iren, die als Lehrer, Krankenschwestern usw. nach Afrika gehen. Eine regelrechte irische Fremdenlegion. Sie arbeiten für irische oder angelsächsische Hilfswerke oder bei der UNO. Sie sind die Missionare von heute.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s