Missionare (3)

Wenn jemand von Missionen und Missionaren redet, denkt man automatisch an exotische Länder. Es hat aber auch eine andere Art von Mission gegeben: die inländische. Diese entwickelte sich im Zuge der Reformation und Gegenreformation. Die Reformatoren zogen umher und versuchten, ihre Mitchristen zum neuen Glauben zu bekehren. Später missionierte auch die römische Kirche, um die Abtrünnigen zu rekatholisieren. Die Jesuiten waren von Anfang an dabei, aber auch die Kapuziner und die Dominikaner. Sie missionierten sogar auf katholisch gebliebenem Territorium, wo es zweifelhaft war, ob die Menschen wirklich christlich waren, da sie ihre eigene vorchristliche Kultur behielten, wie etwa in der Bretagne.

Die inländische Mission war oft intoleranter als die ausländische, aber nicht immer. Im Namen Gottes wurden Sprachen unterdrückt (etwa das Ladinische im Südtirol, das Kornische in Cornwall und das Gälische in Schottland) oder aber mit Bibelübersetzungen und Gesangbüchern gefördert (wie das Rätoromanische in Graubünden und das Walisische in Wales). Es wurden auch lokale Kulturen unterdrückt oder zensiert oder aber in etwas Moderneres verwandelt, das ihr Überleben sicherte.

Auch im 19. Jahrhundert gab es inländische Missionswellen, zum Teil sehr erfolgreiche, wie etwa in Wales. Im Zuge der großen Hungersnot von 1847 gab es in Irland eine Bewegung, die man ironisch „die zweite Reformation“ nannte. Verhungernde wurden nämlich von englischen Missionaren gefüttert, wenn sie bereit waren, protestantisch zu werden. Von diesen Elenden heißt es im irischen Volksmund heute noch: „Sie nahmen die Suppe“.

Inländische Missionen waren in der Moderne ein ständiger Aspekt der Kirchengeschichte. Das Zielpublikum waren hier nicht die Heiden, sondern die Anhänger der anderen Konfession, oder die primitiven Kelten in der Bretagne und im schottischen Hochland. Doch auch die ausländische Mission erwies sich manchmal als ein sektiererisches Unternehmen, wie in Südindien, wo etliche Kollegen von Hermann Gundert sich darauf spezialisierten, nicht gottesferne Hindus, sondern in erster Linie Anhänger der altehrwürdigen Kirche des Heiligen Thomas für den Protestantismus zu gewinnen.

Heutzutage gibt es kaum mehr inländische Missionen, denn die ökumenische Bewegung in den Kirchen hat sie überflüssig gemacht. Dafür aber gibt es die amerikanischen evangelikalen Bewegungen, von der katholischen Kirche als „Sekten“ verschmäht, die heute einen ungeheuren Erfolg haben, nicht nur in den USA, sondern auch in den katholischen Hochburgen der alten und neuen Welt. Sogar in Irland, wo der Katholizismus vielerorts kollabiert hat, machen sie Konvertiten. Die Religion lässt sich nicht so leicht aus der modernen Gesellschaft verbannen.

 

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