Kulturelle Aspekte des Bildungswesens (1)

In letzter Zeit lese ich in vielen Zeitungsartikeln aus Kanada, man bedauere den kontinuierlichen Mangel an technischen und handwerklichen Fachkräften. Es geht hier um Menschen, die eine Berufslehre absolvieren und etwas sehr Praktisches lernen; vielleicht gehört es danach zu ihrem beruflichen Alltag, dass sie Overalls tragen und sich die Hände schmutzig machen. Das ist für die jüngere Generation ein Problem. Es ist nicht attraktiv. Alle jungen Leute wollen nur auf die Universität, keiner will einen handwerklichen Beruf. Mittlerweile gibt es immer weniger Jobs in sogenannten bürgerlichen Berufen. Und wie kommt man zu den Handwerkern, die es braucht? Die Antwort lautet immer noch: Man importiert sie. Der tüchtige Fachmann, der einem die Waschmaschine repariert, ist seit Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit ein Deutscher oder irgendein anderer Europäer.

Zu den kulturellen Unterschieden zwischen Ländern und Sprachräumen gehören das Bildungswesen und die stillschweigenden Einstellungen und Werte, die dahinter stecken. Diese Unterschiede gehen tief. Aber sie haben auch praktische Auswirkungen. Was wird unterrichtet? Wer lernt was? Wann, wie lange und wie intensiv?

Was die heutigen englischsprachigen Länder einschließlich Irland betrifft, geht alles auf das Klassensystem in England zurück und auf die „zwei Kulturen“ von C.P. Snow. Snow erklärte das alles schon in den 1950er Jahren. Die englischen Eliteschulen lieferten ein ganz spezifisches Produkt: den Gentleman. Nun, der Gentleman ist ein Bildungsbürger, jedoch einer, der nur literarisch und klassisch gebildet ist. Er weiß nichts Nützliches oder Praktisches, denn das wäre „banausisch“. Er darf keinen handwerklichen Beruf ausüben, das kommt nicht in Frage, auch wenn er dafür begabt wäre.

Aus diesem Grunde konnte das englische Bildungswesen laut Snow mit dem Bedarf an tüchtigen Technikern nicht Schritt halten. Die Deutschen dagegen hatten ihre technischen Berufe und technischen Ausbildungen und schätzten diese (er erwähnte die Karriere von Siemens), deshalb war ihnen seit den Gründerjahren eine Industrialisierung von hoher Qualität gelungen.

Ich sehe, wie das bis auf den heutigen Tag funktioniert, und zwar hier in der Schweiz. Junge Menschen, Gymnasiasten ausgenommen, absolvieren eine Lehre. Später finden sie Jobs in der Wirtschaft. Das bedeutet niedrige Jugendarbeitslosigkeitsquoten. In Nordamerika, in der angelsächsischen Welt, existiert diese effiziente Brücke zwischen Schule und Arbeitswelt nicht. Die jungen Menschen sind frei und machen, was sie wollen. Es geht um die „erweiterte Adoleszenz“, d.h., dass sie sich bis Ende der Zwanziger nicht entscheiden müssen, was sie im Leben machen werden.

Die klassenbedingte Auffassung von Bildung in England hat sich nach Irland und eigentlich in der ganzen englischsprachigen Welt verbreitet. Zwar ist Nordamerika kommerzieller und praktischer als die alte Welt und das Klassensystem prägt nicht alles, aber auch dort wollen die jungen Menschen lieber auf die Uni statt in eine Lehre. Und die Einwanderer aus Asien, die jetzt als Hilfsarbeiter, Handwerker oder Ladenbesitzer ihren Lebensunterhalt verdienen, wollen unbedingt, dass ihre Kinder Ärzte und Juristen werden.

Wer aber wird die Waschmaschinen reparieren?

 

 

 

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Eine Antwort zu “Kulturelle Aspekte des Bildungswesens (1)

  1. Zu diesem Thema gibt es bereits eine Diskussion in US-amerikanischen Blogs. Diesen kann man entnehmen, dass es offenbar gar nicht immer die jungen Leute sind, die unbedingt eine White-Collar-Ausbildung wollen. Oftmals scheinen es die Eltern und die Lehrer/innen zu sein, die sagen: „Was, mit deinen guten Noten willst du ins Handwerk? Nein, du MUSST aufs College.“ Und dann gehen sie aufs College, landen hinterher bei einer langweiligen Büro-Arbeit und wären doch so gern Elektriker/in geworden.
    Ein weiterer Nachteil ist, dass viele das Studium nur mit einem Kredit finanzieren konnten, mit Mitte zwanzig in fünfstelliger Höhe verschuldet sind und nur ein mittelmäßiges Gehalt bekommen. Eine Familiengründung auf solider Basis rückt in die Ferne. In einem Handwerk hätten sie keine Ausbildungsschulden gemacht und würden längst ziemlich gutes Geld verdienen. In der jüngeren Generation wird die College-Ausbildung mittlerweile recht kritisch gesehen.
    Leider haben wir auch in Deutschland die Tendenz, dass möglichst viele Schüler/innen Abitur machen sollen, und von diesen möglichst alle studieren. Dies versteht man immer noch unter erfolgreicher Bildungspolitik. Eine Änderung würde einen Paradigmenwechsel erfordern: „gute“ Bildung ist nicht die wissenschaftliche, sondern die, die zum individuellen Menschen passt und ihm hilft, seine Neigungen zum Bestmöglichen zu entwickeln. Da längst nicht jede/r Spaß an wissenschaftlichem Lernen hat, ergäbe es sich von ganz allein, dass alle Berufsgruppen gewählt werden und der Gesellschaft auf ihre Weise nützen können. Nur leider wird dem Menschen mit Diplom generell immer noch ein anderer Respekt entgegen gebracht als dem mit dem Gesellenbrief. Wie kann man das ändern?
    Ich bin gespannt auf den nächsten Artikel Ihrer Serie!

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