Kulturelle Aspekte des Bildungswesens (3)

Als Diethelm Brüggemann, der frisch gebackene Professor für Germanistik am University College, Dublin, uns 1970 zum ersten Mal sah, muss er gedacht haben, er habe eine Klasse von Gymnasiasten vor sich. Wir waren alle um die 18. Ich war 17. Und wir studierten schon Germanistik. Wir haben erst später realisiert, als wir mit deutschen Universitäten persönlichen Kontakt hatten, dass die deutschen Studenten älter waren.

Ich frage mich jetzt, wie wir in diesem Alter die Welt sahen. Wir waren vom Schulleben endlich befreit und gierig auf neue Erlebnisse, obwohl wir ziemlich weltfremd waren, da die religiösen Schulen, aus denen wir alle kamen, in jeder Hinsicht konservativ waren. Das Gymnasium verlassen und auf die Uni gehen mit 17 war purer Wahnsinn für mich. Ich war total unvorbereitet, unreif, sowohl menschlich als auch intellektuell. Aber ich sah keine Alternative.

Wir glaubten, wir hätten das Recht darauf, auf die Uni zu gehen. Es bedeutete Freiheit für uns: mehrere Jahre, in denen man versuchen durfte, die Welt und das Leben zu verstehen und eine eigene Identität zu finden. Bei vielen, wenn nicht bei den meisten, waren die Berufsziele ziemlich vage und verschwommen. Als ich anfing, Germanistik zu studieren, hatte ich kaum eine Ahnung, was ich später tun würde. Meine stillschweigende Strategie war es, etwas ziemlich Allgemeines zu studieren, damit ich Zeit gewinnen konnte, um mir meine Zukunft auszudenken. Denn, wenn Familienmitglieder oder Bekannte fragten: „Was macht der jetzt?“, kam die Antwort: „Er studiert“. Und damit war die Diskussion zu Ende.

So ist es in der ganzen englischsprachigen Welt – auch in Amerika. Vielerorts hegen zumindest die gebildeten Menschen eine wohlwollende Skepsis der Universität gegenüber. Es gehe um laienhaftes Herumhocken, um endlose intellektuelle Gespräche in der Mensa, um bisweilen ernsthafte Nabelschau – was sehr modern klingt, aber im Grunde genommen vom alten Ideal der Universität in England nicht so weit entfernt ist: eine höhere Schule für Gentlemen.

In Nordamerika, wie gesagt, scheinen alle jungen Leute auf die Uni zu wollen. Es gibt sogar einen Namen dafür: erweiterte Adoleszenz. In jüngster Zeit läuft eine gewisse Debatte in den kanadischen Medien, ob es wirklich eine gute Idee sei, alle studieren zu lassen, denn technische und handwerkliche Berufe, die dringend gebraucht würden, blieben oft unbesetzt. Die Universitäten verteidigen sich energisch. Sie behaupten, es sei immer noch der Fall, dass Hochschulabsolventen durchschnittlich mehr verdienen als alle anderen. In Nordamerika geht es natürlich nicht um Klassenbewusstsein, sondern um etwas Konkreteres, das heisst um Geld. Denn Geld ist das Maß aller Dinge. Inzwischen gibt es viele Hochschulabsolventen, die Taxi fahren oder in Restaurants servieren, aber das ist natürlich nicht mehr das Problem der Universitäten. Der Sektor boomt weiter.

 

 

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