Mundart und Protest

Vor kurzem erschienen Pedro Lenz und sein Kollege Donal MacLaughlin an einem Literaturfestival in Bern.

Lenz ist jetzt eine bekannte Figur in der Deutschschweiz. Er ist Autor und auch Kleinkünstler. Er hat einen Roman in Berner Mundart geschrieben: Der Goalie bin ig. Sowohl das Buch als auch das Hörbuch bestehend aus 4 CDs sind sehr zu empfehlen. Ich habe mir die CDs angehört und gleichzeitig im Buch gelesen. Den Text in beiden Medien zu haben, hilft mir als Außenseiter, die Sprache zu verstehen. Das Buch ist in der Schweiz inzwischen sehr populär. Sogar ein Spielfilm ist daraus entstanden.

Das Buch wurde ins Hochdeutsche übersetzt (Der Torhüter bin ich). Und nicht nur ins Hochdeutsche. Donal McLaughlin ist gebürtiger Nordire, aber als Kind wanderte er mit seiner Familie nach Schottland aus und wohnt seitdem in Glasgow. Er hat Germanistik studiert und arbeitet als literarischer Übersetzer ins Englische. In diesem Fall aber hat er Lenz’ Buch in schottische Mundart übersetzt. Das Buch heißt bei ihm Naw great talker.

Um diese komplexen sprachlichen Verhältnisse schätzen zu können, muss man die Rolle der Mundart in beiden Ländern verstehen. Die schottische Mundart ist für einen Engländer oder andere Englischsprachige unverständlich. Sie wird auch traditionell geschrieben, denn bis ins 17. Jahrhundert galt „Scots“ als eine eigene Sprache. Die schweizerischen Mundarten, vor allem das Berndeutsche, sind für einen normalen Deutschsprachigen unverständlich. Auch diese Mundarten werden geschrieben, und heutzutage sind sie bei den Jugendlichen die bevorzugte Sprache für SMS und e-Mails.

Es gibt auch Verschiedenheiten: Die Deutschschweizer betrachten ihre Mundarten positiv und im täglichen Leben sprechen normalerweise alle Mundart. Es hat immer eine Mundartliteratur gegeben, vor allem Lyrik, aber auch Prosa, sogar Romane, aber nicht viele. Das Schulwesen hat immer auf Hochdeutsch unterrichtet, betrachtet die Mundarten aber wohlwollend als Teil der nationalen Identität. Die Schotten hingegen haben ein aus England importiertes Schulwesen, dessen Hauptaufgabe es immer gewesen ist, die Mundart auszurotten. Daher glauben die meisten Unterlandschotten nicht, dass sie eine eigene Mundart sprechen, sondern dass sie schlechtes Englisch sprechen. Das ist ein wichtiger Teil des tief verwurzelten schottischen Minderwertigkeitskomplexes, gemäß dem die Schotten, wenn sie die Gelegenheit haben, wieder ein eigenes Land zu haben, mehrheitlich „nein“ stimmen. Aber das ist freilich ein anderes Kapitel.

Obwohl es eine Mundartliteratur in der Deutschschweiz gibt, vor allem in Bern, erklärte Lenz dem Publikum, dass er nie auf die Idee gekommen wäre, Mundartautor zu werden, wenn er nicht ein halbes Jahr in Glasgow verbracht hätte. Dort hat er die Autoren der Scots-Szene kennengelernt, die ihn aufforderten, so zu schreiben, wie er zu Hause redet. Das hat er dann getan.

Ich finde es interessant, dass Lenz als Mundartautor unter schottischem Einfluss steht. Diesem Einfluss ist es vielleicht zu verdanken, dass sein Roman einen leichten, unschweizerischen Ton des sozialen Protestes aufweist. Es ist die Geschichte von Verlierern aus der Drogenszene in einem Kaff. Indem er gerade diesem Milieu eine Stimme verleiht, und nicht etwa Bildungsbürgern (die in der Schweiz auch Mundart sprechen), nutzt Lenz m.E. die vertraute Heimatssprache aus, um die Autorität der Hochsprache und den Konformismus, den sie ausdrückt, zu unterminieren, genau wie das bei den Schotten passiert.

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