Beim Bier in der Werkstatt

Ich bin in der Werkstatt in Chur, meinem Lieblingslokal hier. Es gefällt mir, weil es ein Ort für jede Altersgruppe ist. Man sieht junge Menschen hier. Man sieht Männer in den Fünfzigern mit grauen Haaren und Pferdeschwanz. In einem anderen gesellschaftlichen Kontext würden diese „ältere Herren“ sein, am Stammtisch sitzen und vielleicht rechtspopulistische Positionen vertreten, aber die Werkstatt ist das Lokal für die alternative Szene und es herrscht eine Atmosphäre der ewigen Jugend. Die Musik im Hintergrund ist eher Blues.

Als ich das letzte Mal hier war, gab es ein griechisches Fest. Es musizierte eine gute Bouzouki-Gruppe aus Bern. Eine ganze Menge Griechen hatte sich eingefunden und sie tanzten wie wild. Am Ende des Abends erschien N., ein Ire, der war anderswo unterwegs gewesen. Er stand an der Theke, man gab ihm ein Bier. Wir wechselten ein paar Worte und verabredeten uns auf ein längeres Gespräch für heute Abend.

Heute Abend ist es ruhig in der Werkstatt, nur ein paar Kunden sitzen beim Bier, und man kann gemütlich reden. Wir haben schon einiges gemeinsam. Er stammt aus Dublin. Er hat lange Jahre in Deutschland gelebt. Er ist Musiker. Wir sprechen über die Musikszene in Irland. Wir erinnern uns an die gleichen Bands. Er ist ein bisschen jünger als ich. Wir erinnern uns beide an den 3. September 1975. Das ist kein öffentlich wichtiges Datum wie der 3. September 1939, aber für uns beide von privater Bedeutung, wie sich herausstellt. Es war mein letzter Abend in Dublin, bevor ich auswanderte; ich wusste damals noch nicht, dass ich 20 Jahre wegbleiben würde. Am gleichen Tag war er auf einer westirischen Insel am Atlantik und erhielt die Resultate seiner Schulabschlussprüfung; zu seiner großen Erleichterung hatte er es geschafft.

Wir reden über Frauen. Genau wie ich war er mit einer Deutschen verheiratet gewesen. „Die lieben einen, weil man Ire ist“, sagt er, „und die verlassen einen, weil man Ire ist.“ Großes Gelächter.

So beginnt eine neue Männerfreundschaft. In jedem Alter kann das passieren. Unter Iren in der Ferne gibt es schnell Anschluss, wenn man Ähnliches erlebt hat. Geschichten werden erzählt, Erfahrungen gedeutet, Erinnerungen geschildert, Bilanzen gezogen, ironische Bemerkungen ausgetauscht. Man genießt den „Craic“. Eine uralte mündliche Tradition scheint mit neuen Subjekten ihr ewiges Spiel zu spielen.

Ich denke unwillkürlich an frühere solche Begegnungen in meinem Leben. Einige dieser Menschen leben noch in anderen Erdteilen, andere sind längst gestorben. Ich denke an Johnny, den Hochstapler, der mich hierher gelockt hat. Ich denke an Charlie, den Amerikaner mit der Gitarre. Ich denke an Jaromir den Erzähler. Und auf einmal ist es, als ob jeder an diesem Tisch säße und mit mir plauderte wie ein Lebenskünstler im wahrsten Sinne; einer, der etwas über das Leben zu berichten hat. Da sitzt keine Anhäufung von Ideen, von Positionen, von Wissen, von politischen Meinungen, mit denen man sich auseinanderzusetzen hätte, sondern ein Mensch.

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