Parallelwelten

Ich lerne langsam die Friedhöfe in Chur kennen. Hier habe ich zwar keine Toten, die liegen alle in Irland begraben, aber ich bin jetzt lange genug hier in Chur, um Leute zu kennen, die sterben. Einer meiner Bekannten in der Stadt war plötzlich verstorben und ich ging zur Beerdigung.

Eine Menge Leute hatte sich schon auf dem Platz vor der Friedhofskapelle versammelt. Ich nickte einigen, die mir bekannt waren, traurig zu. Der Sarg wurde vom Bestattungspersonal hinausgebracht. Gleichzeitig erschien der Priester im Gewand und stellte sich neben den Sarg. Die Menschen standen weiterhin herum und viele plauderten. Ich hörte die charakteristische Sprachmelodie des Romanischen, anders als die des Deutschen, denn der Verstorbene war Romane aus dem Bündner Oberland. Ich bin nicht oft an Beerdigungen und wurde fast schwindelig und von einem stummen Entsetzen erfasst: Wir stehen herum und plaudern, dachte ich, und einer, mit dem ich vielleicht noch vor einer Woche geredet hatte, liegt tot im Sarg, mitten unter uns. Der Priester begann mit einer kurzen Einführung zur Grabliturgie. Für ihn war das Berufsalltag. Sobald er aber die Stimme erhob, flog ein Hubschrauber herüber und übertönte ihn. Auch das nahm er gelassen hin. Er ist es wahrscheinlich gewohnt. Auf dem Dach des Krankenhauses unweit von hier gibt es jetzt einen Hubschrauberlandeplatz, und es ist ein ständiges Hin und Her mit Patienten aus entfernten Dörfern in den Alpen, die zur Behandlung eingeliefert werden müssen.

Wir schritten langsam hinter dem Sarg bis zum Grab, begleitet vom ohrenbetäubenden Dröhnen des Hubschraubers, der verrichteter Dinge wieder in Richtung Himmel abhob. Alle standen jetzt neben dem offenen Grab und wiederum betete der Priester. Jetzt aber fing ein Traktor auf einem benachbarten Acker an, auf und ab zu fahren und übertönte wieder die Stimme des Geistlichen. Schliesslich hörte auch das auf und es gab keine Geräusche mehr. Es herrschte Stille. Der Tote lag im Grab und die Angehörigen standen stumm da und weinten.

Es blieb nicht viel anderes übrig, als zu gehen; ich wollte jetzt aber nicht. Diese Stimmung war richtig. Ich fühlte mich mit etwas Ernsthaftem und Wichtigem verbunden. Schliesslich ging ich langsam, brachte aber etwas von der Stille mit mir nach Hause.

Der Tod, dachte ich, ist eigentlich eine Art Parallelwelt zur Alltagswelt. Ich meine nicht so sehr die Welt der Toten, sondern die Welt der Trauernden. Die Alltagswelt läuft ständig, aber Menschen sterben und werden begraben jeden Tag, und zumindest für die Trauernden steht auf einmal alles still. Ihnen ist es egal, wie die Alltagswelt weiterläuft.

Ich dachte an ein berühmtes irisches Gedicht von Máirtín Ó Direáin, „Dínit an bhróin“ (Würde der Trauer):

Nochtaíodh domsa tráth
Dínit mhór an bhróin,
Ar fheiceáil dom beirt bhan
Ag siúl amach ó shlua
I bhfeisteas caointe dubh
Gan focal astu beirt:
D’imigh an dínit leo
Ón slua callánach mór.
Bhí freastalán istigh
Ó línéar ar an ród,
Fuadar faoi gach n-aon,
Gleo ann is caint ard;
Ach an beirt a bhí ina dtost,
A shiúil amach leo féin
I bhfeisteas caointe dubh,
D’imigh an dínit leo.[1]

In dieser Hinsicht ist der Tod wie die Natur. Die Natur ist eine andere Welt, eine Welt für sich, eine Parallelwelt zu den Beschäftigungen des Menschen. Ich spüre das immer, wenn ich hinaus in den Wald gehe. Vögel singen und beschäftigen sich mit ihrem Leben, egal was in der Menschenwelt nebenan passiert. Die Zeitskala ist anders: Hunderttausend Jahre sind wie ein Tag. Ich verliere mich in dieser Welt für sich. Schließlich kehre ich in den Alltag zurück, denn auch ich bin ein Mensch und gehöre noch zu den Beschäftigten, zu den Lebenden. Aber eine Zeit lang herrscht eine besondere Stille in meinem Herzen.

[1] Eine englische Übersetzung von Gabriel Fitzmaurice:

Grief ’s great dignity
Was revealed to me once
On seeing two women
Emerging from a crowd
In black mourning
Each without a word:
Dignity left with them
From the large and clamorous throng.
A tender was in
From a liner in the roads
And everyone was rushing,
There was tumult and loud talk;
But the pair who were silent,
Who walked out on their own
In black mourning
Left with dignity.

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