Brauchtum zu Hallowe’en

Alle Jahre wieder kommt das Fest der Toten. Aber ist es Allerheiligen oder Allerseelen? Es herrscht immer eine gewisse Zweideutigkeit. Wir wissen, dass in vorchristlicher Zeit Anfang November ein Totenfest stattfand, da die Ernte im Spätherbst das Ende des landwirtschaftlichen Jahres bedeutete. Zum Schluss des alten Jahres verbeugten sich die Toten unter Applaus zum letzten Mal, bevor sie die Bühne endgültig verließen, da sie jetzt der Vergangenheit angehörten. So war das altirische Fest Samhain (moderne Aussprache ungefähr „Ssaú-in“): Die Geister der Toten kehrten in der Nacht zurück. Die christliche Kirche übernahm das alte keltische Fest und machte daraus ein Fest der Heiligen (früher feierte man dieses kirchliche Fest kurz nach Pfingsten und in der Ostkirche macht man es immer noch so). Die Toten wurden also auf den 2. November (Allerseelen) versetzt. Trotzdem hat man am 1. November die Verstorbenen immer mit einem Gräberbesuch gefeiert, und in Westeuropa ist dieser Tag in erster Linie der Gedenktag der Verstorbenen.

Auch die Bedeutung der Vorabende ist zweideutig. „Hallowe’en“ (Allerheiligenabend, Oíche Shamhna) ist in Irland und Schottland ein traditionelles Fest, ein Volksfest der Toten, mit Bräuchen (Heischegang von vermummten Jugendlichen, Streiche, Weissagung usw.), die als kontraphobisch zu deuten sind: Man hat Angst vor den Toten und macht trotzdem Spaß. Es werden auch herbstliche Früchte verzehrt, aber dieser Brauch hat eher mit dem Erntedankfest zu tun.

Auch Hexen gehören bekanntermaßen zu Hallowe’en. Dies, nehme ich an, ist eher ein schottischer Brauch, denn im schottischen Unterland hatte das Hexenwesen immer Tradition. Es gab Hexenwahn und Hexenverfolgungen in der Zeit nach der Reformation, während das Hexentum in Irland kaum je ein Thema war. Hexen treten zu Hallowe’en auf, nicht nur weil es um Tote und Zauber geht, sondern weil die schottischen und nordenglischen Hexen an diesem Datum einen Sabbat feierten, etwas Ähnliches wie die Walpurgisnacht in Deutschland.

Zu Hallowe’en sollten die Toten zurückkehren, doch im ländlichen Irland wurde dieser Brauch oder Aberglaube meistens auf den Vorabend von Allerseelen (All Souls‘ Eve, Oíche na Marbh) versetzt. Es gibt bei uns allerlei Volkssagen über Menschen, die in dieser Nacht Geister sahen bzw. längst Verstorbene wiedererkannten.

Was aber haben die Toten mit den Heiligen zu tun? Beide sind tot. Man muss ja tot sein, um als Heiliger zu gelten, denn die Heiligen sind diejenigen exemplarischen Christen, die es offiziell in den Himmel geschafft haben. Und da es gilt, nur Gutes über die Toten zu sagen (de mortuis nil nisi bonum), haben wir die durchaus verständliche Tendenz, unsere Toten den Heiligen gleichzusetzen. Von diesem oder jenem sagt man gerne, er sei ein Heiliger gewesen, obwohl man ihn zu seinen Lebzeiten wahrscheinlich differenzierter einschätzte.

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