Monat der Toten

Der November ist der Monat der Toten. Er beginnt jeweils mit Allerheiligen und Allerseelen. In dieser Zeit, meistens am Allerseelenabend, kommen in Irland die Toten bei den Lebenden auf Besuch. Ich bin froh, dass sie auch zu mir kommen, und möchte dieses makabre Rendezvous auch in der Ferne nicht missen. Es sorgt immer für Überraschungen, denn die Toten sind nicht so tot, wie wir glauben.

Diesmal war es eine Last. Es kamen bei mir Schuldgefühle hoch, wegen Menschen, die ich vernachlässigt hatte. Es ist wie wenn man in der Nacht plötzlich aufwacht, auf einmal völlige Klarheit genießt und Einsicht in sich selbst oder in einen Abschnitt seines Lebens gewinnt, die weh tut.

Mein Vater schaute mich aus dem gerahmten Schwarzweissfoto an der Wand mit vorwurfsvollem Blick an. Mein Onkel, der auf einem anderen Foto am Klavier sitzt, suchte nicht einmal Augenkontakt mit mir, er spielte ruhig vor sich hin. Und trotzdem bin ich froh, dass sie gekommen sind. Einsicht ist immer besser als Nichtwissen, auch wenn sie zu spät kommt. Und es ist nie wirklich zu spät. Die Toten gedeihen im Tod und leben weiter. Ich sehe Aspekte von meinem Vater, die er mir nie verraten hat, Träume, die er nie verwirklichen konnte. Ich sehe plötzlich ein, dass ich für meinen Onkel der Sohn war, den er selbst nie gehabt hat.

Wenn Menschen sterben, wenn wir selber sterben, können wir nicht sagen: So – Strich drunter. Wir wissen nicht, was unser irdisches Leben bedeutet. Tote leben nicht nur im Jenseits weiter, sondern auch im Diesseits. Berühmte werden vergessen, Vergessene werden berühmt. Lebendige Heilige von gestern werden verpönt, Bösewichte von gestern genießen Verständnis und werden rehabilitiert. Exzentriker rücken in die Mitte des Zeitgeistes, typische Figuren werden an den Rand gedrängt. Verlierer werden gerechtfertigt, Gewinner ihres Ruhmes beraubt. So werden die Letzten die Ersten sein und die Ersten die Letzten.

Doch vor allem werden die Lebenden von den Toten weiterhin geprägt, auch indirekt, über die Generationen hinweg. Wir werden nicht nur von unsern Eltern geprägt, sondern indirekt von Großeltern und sogar von Ahnen, die wir nicht einmal gekannt haben; nicht nur von unsern Lehrern, sondern von ihren Lehrern, deren Namen uns vielleicht nicht einmal bekannt sind.

Wenn einer stirbt, und wir nach der Beerdigung nach Hause fahren, denken wir: Das war‘s, jetzt sind wir ihn los. Irrtum. Wir werden ihn nie los. Und am Allerseelenabend werden wir zu Recht den Tisch bereitstellen und Plätze für die Verstorbenen schaffen, denn sie werden kommen. Sie kommen unseretwegen, nicht ihretwegen zurück. Sie brauchen die Reise nicht. Sie ruhen schon in Frieden. Sie kommen, um zu sehen, wie es uns geht. Denn wir leben weiter.

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