Das Claviorganum

Bei den Jesuiten in Dublin habe ich vieles gelernt, doch Musik stand damals nicht auf dem Lehrplan. Inzwischen haben sich die Dinge verändert. Bevor unser Jahrgang mit der Schule fertig war, fingen die Patres tatsächlich an, in den Primarklassen Blockflöte zu unterrichten. In unserem Klassenzimmer oben im Gymnasium hörten wir bei offenem Fenster die kleinen Jungen drüben in der Primarschule endlos ihre schrillen Tonleitern üben. Wir lächelten über diesen Unsinn, der uns erspart geblieben war. Einige von uns interessierten sich trotzdem für Musik. Wie hätte es denn auch anders sein können, vor allem bei mir, ich stamme ja schliesslich von der musikalischen Familie der Craigs ab.

Als Jüngling fühlte ich mich besonders zur alten Musik hingezogen und lieh mir einmal ein Buch über alte Musikinstrumente aus der Bibliothek aus. In diesem Buch war von den wunderlichsten Tasteninstrumenten die Rede: vom Archicembalo, das nicht nur alle möglichen Zwischentöne, sondern auch alle Laute der menschlichen Sprachen wiedergeben konnte, von Castels clavecin oculaire, das eine Musik der Farben spielen sollte, von Kempelens sprechender Maschine, und schließlich vom Claviorganum, einem Tasteninstrument, das es dem Spieler ermöglichte, nicht nur Cembalo, sondern zugleich auch Orgel zu spielen. Ich konnte mir solche fantastisch komplizierte Instrumente kaum vorstellen.

Eines Nachts aber hatte ich einen Traum. Ich war allein in der Schule, es war dunkel, alles war still. Ich sollte mich beim Praefectus Studiorum, dem Direktor, melden. Ich kam zu seiner Tür und klopfte an. Niemand antwortete, überrascht stellte ich aber fest, dass man drinnen musizierte. Ohne weiter zu zögern, öffnete ich die Tür und trat ein. Es war sein Studierzimmer, wie üblich, aber der ganze Raum war von einem großen Musikinstrument besetzt. Es war ein Cembalo (ich sah die Saiten unter der aufgedeckten Klappe), zugleich aber auch eine Orgel, denn ich sah goldene Pfeifen aus einem anderen Teil emporragen. Tatsächlich ertönte daraus die wundersamste Musik: teilweise Cembalomusik, aber auch Orgelklänge. Es war ein Claviorganum.

Vor der zweimanualigen Tastatur saß der grauhaarige Praefectus Studiorum und spielte. Er sah mich mehrmals an, spielte aber weiter. Sein Gesicht war ausdruckslos, eine Maske, aber es strahlte Macht aus, strenge Macht. Er schien mich kaum zu beachten. Ich hatte Angst vor ihm, vor seiner Macht. Er spielte weiter auf den zwei Manualen vor sich, griff in die Tasten und betätigte die Pedale, und alle mögliche Musik schien aus diesem Instrument zu quellen. Es war eine Art Fuge, deren Stimmen abwechslungsweise vom Cembalo und von der Orgel getragen wurden. Ich fühlte mich verloren und konnte nur dastehen und lauschen.

Jahre später, als ich einen Abschnitt im Glasperlenspiel las, dachte ich wieder an jenen Traum: „Dieses ganze ungeheure Material von geistigen Werten wird vom Glasperlenspieler so gespielt wie eine Orgel vom Organisten, und diese Orgel ist von einer kaum auszudenkenden Vollkommenheit, ihre Manuale und Pedale tasten den ganzen geistigen Kosmos ab, ihre Register sind beinahe unzählig, theoretisch ließe mit diesem Instrument der ganze geistige Weltinhalt sich im Spiele reproduzieren.“

Das war es also, dachte ich. Der Praefectus Studiorum konnte alles spielen, alles in der Welt. Er hatte den ganzen geistigen Kosmos im Griff. Doch das gab es erst nach Feierabend. Ich sah die Jesuiten als einen geheimen Bund von Glasperlenspielern oder Morgenlandfahrern, die Geheimnisse hegten, welche nicht in der Schule gelehrt werden durften. Diese Geheimnisse erschienen nur in den Träumen der Schüler. Das war wohl der heimliche Lehrplan.

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