Rathfarnham Castle (2)

Angelika Kauffmann verbrachte einige Zeit hier in Rathfarnham. Sie war in diesem und anderen angloirischen Schlössern zu Gast und blieb insgesamt sechs Monate im Großraum Dublin, bevor sie nach London zurückfuhr.

Die mythischen Figuren, die sie an die Decke in einem Saal in Rathfarnham gemalt haben soll, sind wahrscheinlich nicht von ihrer Hand, denn sie sind nicht auf ihrem üblichen künstlerischen Niveau. Sie machte wahrscheinlich nur den Entwurf auf Papier und dieser wurde dann nach ihrer Abreise von anderen umgesetzt, etwa von italienischen Wandermalern, die in Nordeuropa damals ständig unterwegs waren. Als ich in diesem Saal stand, stellte ich mir Angelika Kauffmann vor, wie sie auf einem Sofa liegend die Decke studierte und in einer Mappe die anmutigen Figuren mit Bleistift skizzierte.

Man schrieb das Jahr 1771 und sie hatte vermutlich Zeit, dieses neue Land zu beobachten. Sie muss verstanden haben, dass die Adeligen, mit denen sie verkehrte, Protestanten englischer Herkunft waren, das enteignete Volk aber religiös und sprachlich völlig anders war. Was meinte sie wohl dazu als Katholikin aus dem Heiligen römischen Reich deutscher Nation? Sie wusste schon, dass der Katholizismus auch in England verboten war und verfolgt wurde. Am Sonntag in London konnte sie gemeinsam mit ihrem Vater die Messe nur in der österreichischen oder spanischen Legation besuchen.

Orte wie Rathfarnham Castle sind mir wie auch anderen Iren vertraut, doch sie bleiben fremd. Das waren die Herrenhäuser der englischen Adeligen. Diese Orte symbolisierten die Tyrannei der Fremden. Ich konnte bei meinem Besuch im Schloss ein heimliches Grauen nicht unterdrücken. Denn meine Ahnen hätten hier keinen Platz gehabt. Wenn sie ehrgeizig gewesen wären, wären sie ausgewandert – nach Paris oder Rom um zu studieren oder ansonsten in den Dienst des österreichischen Kaisers eingetreten.

Es gibt ein Gedicht von Aogán ó Rathaille, „Vailintín Brún“, in dem der Dichter erklärt, dass seine Ahnen, eine Bardensippe, immer von den einheimischen Adeligen geehrt wurden. Auch als diese enteignet wurden, waren die englischen Browns, die das Schloss übernahmen, ihnen freundlich gesinnt. Aber jetzt, am Anfang des 18. Jahrhunderts, ist ein neuer Erbe den Besitz angetreten: Valentine Brown, der in England aufgewachsen ist, und von Irland und der einheimischen Überlieferung nur wenig weiß. Trotzdem kommt Aogán angewidert zum Schlosstor, um seine Dienste anzubieten. Das Gedicht ist ein Meisterwerk der Ironie und des Sarkasmus.

Als ich im leeren Prunksaal in Rathfarnham stand und an Angelika Kauffmann dachte, glaubte ich Musik zu hören: Streicher spielten ein Concerto Grosso von Geminiani, der übrigens auch in Irland unterwegs war, und AK, die eine begabte Musikerin war, spielte dazu Cembalo. Das ist seit langem meine bevorzugte Musik, obwohl ich, wenn ich daran denke, zugeben muss, dass diese Art von Musik für genau diese Orte geschrieben wurde; für die Gewinner, nicht für die Verlierer. Als Gewinner sitzt man drinnen im warmen Schloss. Die Verlierer warten draußen vor dem Tor.

 

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