Der Weg von London nach Dublin

Angelika Kauffmanns Besuch in Dublin 1771, von dem ich am Ende des letzten Jahres berichtet habe, war nicht etwas völlig Neues. Beispiele waren schon vorhanden, denn erfolgreiche deutsche und italienische Künstler in London wurden früher oder später eingeladen, nach Dublin zu kommen.

Damals war Dublin nach London die zweite Stadt des Britischen Reiches. Der Weg vom europäischen Festland nach Dublin führte immer über London. Dublin war eine durchaus englische Stadt; die Iren selbst waren ausgeschlossen. Als Händel in einem Brief von „the politeness of this generous nation“ schrieb, meinte er die angloirische Elite in Dublin.

Der deutsche Komponist, der in England unter der Dynastie von Hannover lebte, gab die Uraufführung seines „Messias“ in Dublin im Jahre 1742. Händel war nach Dublin gereist, weil es ihm in London schlecht ging. Während seiner englischen Schaffensperiode wurde er manchmal als Opernkomponist vergöttert, manchmal als „German nincompoop“ verpönt. Dann hatte das Publikum die italienische Oper endlich satt und sein Theater blieb fast leer. Er begann, religiöse Dramen, also Oratorien in englischer Sprache zu vertonen. Die Meinungen darüber waren in England geteilt. Vor allem die anglikanische Kirche sah es nicht gerne, dass religiöse Themen im weltlichen Theater und nicht mehr nur in der Kirche behandelt wurden. Als Händel sein Messias-Oratorium in Dublin aufführte, konnte er mit einem Chor aus den beiden anglikanischen Kathedralen rechnen; doch der alte Jonathan Swift, der immer noch Dekan der St-Patricks-Kathedrale war, blieb fern und boykottierte die Veranstaltung, die er verachtend „a club of fiddlers“ nannte. Der „Messias“ wurde aber zum Erfolg.

Geminiani, ein italienischer Kollege Händels, der auch in London erfolgreich arbeitete, hatte schon 1733 sein Glück in Dublin versucht. Es war ihm gut ergangen, und er unternahm weitere Besuche; 1762 starb er in Dublin.

Außerhalb von Dublin ging die irische Musik ihre eigenen Wege. Ihr berühmtester Vertreter war der blinde Harfenspieler und Dichter Torlach Ó Cearbhalláin oder Turlough Carolan. Seine Stücke und Lieder sind in Irland noch heute bekannt und beliebt. Er wurde von Gönnern unter den angloirischen Adeligen unterstützt. Obwohl er nicht in Dublin arbeitete, war er mit der damaligen Barockmusik Europas vertraut. Er war auch in Dublin bekannt, obwohl er auf Irisch dichtete: Sein volkstümliches Lied „Pléaráca an Ruarcaigh“ wurde von Dean Swift in englische Verse übersetzt. Carolan starb 1738. In der St-Patricks-Kathedrale in Dublin ist ein Denkmal zu seinen Ehren zu sehen.

Über Carolan und Geminiani wird eine interessante Geschichte erzählt: Einmal trafen sie sich im Landhaus eines Adeligen und Carolan forderte den Italiener zu einem musikalischen Wettstreit auf. Geminiani spielte also ein Konzert Vivaldis auf der Violine vor. Carolan wiederholte dieses auf der Harfe, obwohl er das Stück vorher nicht gekannt hatte. Dann improvisierte er eine eigene Komposition im Barockstil, die bis auf den heutigen Tag als „Carolan’s Concerto“ berühmt ist [s. Link].

Eine andere Version dieser Legende erzählt, dass sich der Ire und der Italiener nie persönlich getroffen haben, Geminiani jedoch ein Konzert zum Herrenhaus in Elphin schickte, wo Carolan damals weilte. Carolan hörte mit Vergnügen zu, als das Stück gespielt wurde, schlug dann aber Verbesserungen vor. Diese Verbesserungen wurden notiert und an Geminiani nach Dublin zurückgeschickt. Geminiani war sofort überzeugt und meinte, der Ire besitze „il genio vero della musica“.

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