Zuhören

Im Jahre 1940 begann mein Vater, die Dornier-Motoren der deutschen Luftwaffe zu erkennen. Er hörte sie im Bett liegend, während der Nacht. Viel später erzählte er mir dies und versuchte zu erklären, wie eigenartig die Dornier-Motoren klangen, indem er mir ihren charakteristischen Rhythmus vorsummte. Damals hörte er sie vom Elternhaus in Dublin aus, obwohl sie ziemlich weit draußen über dem irischen Meer flogen, denn sie waren nach Liverpool oder sogar Belfast zu nächtlichen Luftangriffen unterwegs, mussten aber die irische Neutralität beachten.

Einmal im Jahre 1942 kamen sie näher: Aus Versehen flog eine deutsche Maschine über Dublin und entlud ihre Bomben. In dieser Nacht hörte mein Vater nicht nur die Motoren, sondern auch die darauffolgenden Explosionen und das Gegenfeuer von unten. Er meinte, der Krieg sei nun gekommen, doch die deutsche Maschine kam glimpflich davon und am anderen Morgen konnte nichts bewiesen werden.

Diese Geschichte erzählte mein Vater immer wieder in den 50er Jahren, als wir Kinder waren. Viel später las ich Texte wie Carossas „Wird Abend über uns, o Abendland?“ und hörte Richard Strauss‘ „Metamorphosen“ im Gedenken an das Münchner Opernhaus, das erweiterte meine Perspektive einigermaßen. Als ich dann in Freiburg im Breisgau studierte, bewunderte ich die Häuser der Altstadt, las aber auch die zahlreichen Tafeln: „1944 verbrannt“. Neugierig las ich über die Bombardierung von Freiburg in der Nacht vom 27.11.44 nach und sah mir die Aufnahmen an: Die Altstadt war fast völlig vernichtet worden. Es war nicht zu begreifen, denn eine militärische Bedeutung hatte die Freiburger Altstadt kaum gehabt.

Letztes Jahr plauderte ich mit Frau N., die bei uns eine Buchhandlung führt. Es war ein warmer Sommertag und die Tür zur Straße hin stand offen. Man hörte die Maschinen der Schweizer Luftwaffe, die wie üblich über der Stadt Trainingsflüge machte. „Wissen Sie“, sagte mir Frau N., „wenn ich diese Flugzeuge höre, suche ich mir immer noch einen sicheren Ort, wo ich mich verstecken kann.“ Als junges Mädchen hatte sie in einem Dorf außerhalb von Hildesheim gelebt, und sie erinnert sich immer noch an die Bombardierungen von 1944 und 1945, die schließlich einen Feuersturm verursachten, sodass die ganze Altstadt, die sicherlich auch keine militärische Bedeutung gehabt hatte, mit einem Schlag niederbrannte.

Eines Nachts war Frau N. draußen im Dorf und sah aus einiger Entfernung, wie die Stadt Hildesheim angegriffen wurde. Sie sah und hörte die Explosionen. Sie sah eine amerikanische Maschine, von Gegenfeuer getroffen brennend vom Himmel fallen und die Körper der Besatzung, die aus dem Wrack geworfen wurden und zu Boden fielen.

„Deswegen“, sagte sie mir, „habe ich immer noch Angst, wenn ich diese Flugzeugmotoren höre.“

Mein Vater hörte sie als junger Mann und betrachtete sie als Abenteuer. Frau N. hörte sie als junges Mädchen und hatte Angst. Beide hörten in der Nacht zu. Dies ist für mich eine neue Dimension des Zuhörens, das ich sonst eher mit Konversation, Musik oder Vogelgesang verbinden würde. Doch was bedeutet Zuhören? Ich schlage bei Duden nach: „Etw. hinhörend folgen, ihm seine Aufmerksamkeit zuwenden“. Aufmerksamkeit ist hier das Wesentliche, denn es ist eine Sache des Willens: Man hört etwas automatisch, ob man es will oder nicht, hingegen wendet man dem Gehörten seine Aufmerksamkeit zu, weil man es bewusst will – oder weil es einem Angst einflößt.

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