Zuhören (2)

Ich höre gerne zu. Ich kenne die Gesänge eines jeden Vogels. Ich nehme alle die Töne in einer menschlichen Stimme wahr. Ich habe ein sehr gutes Gehör und das wird manchmal zu einer Belastung. In Häusern höre ich das Surren der Heizung und der Wasserleitung im Hintergrund, ob ich es will oder nicht. Sogar das Summen von Mücken in einer Sommernacht reißt mich aus dem Schlaf. Ich höre gerne das Geräusch von Düsenmaschinen hoch am Himmel, es kommt mir wir Donner aus der Ferne vor. Doch Ruhe und Stille habe ich am liebsten.

Die italienische Philosophin Gemma Corradi Fiumara* redet vom Zuhören als die andere Seite des Sprechens, als ein vernachlässigter Aspekt des Diskurses in der Geistesgeschichte des Abendlandes. Am Anfang war Sokrates, Sohn einer Hebamme, der seinen Freunden nur Fragen stellte und zuhörte. Doch im Philosophieren jener Männer in Athen, behauptet sie, ist der Diskurs bald zu einer Art Krieg geworden, bei dem man als Sprecher versucht, die anderen zu besiegen, oder zu einer Art Jagd, bei der man die Wahrheit als Beute erjagen möchte. Das ist unsere abendländische Art: Die Parallelen mit Imperialismus und Weltunterwerfung sind offensichtlich. Die Debatte ist eine Art Bombenkrieg. Gewinnen ist alles. Die Verlierer werden mit Sperrfeuer zum Schweigen gebracht. Die Argumente schlagen wie Bomben ein.

In den letzten Jahren träume ich oft von Luftangriffen und Bombardierungen. Ich bleibe immer unversehrt, doch alles um mich herum wird zerstört. Manchmal findet dies im Zweiten Weltkrieg statt, dann wieder geht es um einen modernen Krieg mit Kampfjets. Es ist auch ein bisschen lächerlich, wie selbstverständlich ich immer davonkomme: Ich und andere werden zum Beispiel auf einem grünen Sportplatz von fremden Maschinen angegriffen, die Bomben abwerfen. Ich suche Schutz in einem Bushaltestellenhäuschen aus klarem Kunststoff. Als der Luftangriff vorbei ist, ist die Bushaltestelle zerstört, ich aber komme glimpflich davon. Man kann ja nicht erwarten, dass ich meinen eigenen Tod inszeniere. Wenn der Träumer nicht überlebt, kann er seinen Traum nicht mehr erzählen.

Ich weiss nicht, warum ich von solchen Situationen träume, ich kenne das nur aus alten Kriegsfilmen. Irland hat den totalen Krieg, der ganze Städte verwüstet, nicht erlebt. Ich weiß nur, was mir mein Vater von jener Nacht im Jahre 1942 erzählt hat, als der Krieg dann doch nicht ausbrach. Als ich mit 20 Jahren in Freiburg im Breisgau studierte, war ich von der Altstadt entzückt. Es dauerte lange, bis mir ein Licht aufging und ich kapierte, dass die schönen Patrizierhäuser rekonstruiert worden waren, denn in der Nacht vom 27.11.1944 war fast alles in Schutt und Asche gelegt worden. Ich wusste schon Bescheid über Dresden, alle wissen das. Später erfuhr ich von Hildesheim, und Hamburg, und… vom ganzen Bombenkrieg gegen Zivilisten und Altstädte, um die Dinge beim Namen zu nennen. Das gehörte zur „Befreiung“, obwohl vielerorts nicht viel zu befreien übrig geblieben war.

Und seitdem gibt es diesen wunderbaren Wiederaufbau, um die Wunden der Vergangenheit zu heilen und auch um uns unwissenden Fremden eine Art Disney World oder Europapark vor Augen zu führen, eine Parallelwelt, in der die Fachwerkhäuser und ihre Bewohner den Feuersturm durch Zauber überlebt haben. Vorletzten Sommer war ich in Dresden. Wie schön: Trotz allem sitzt August der Starke immer noch fest im Sattel. Auf der Brühlschen Terrasse zu flanieren, dort einen Kaffee zu trinken, auf die Schiffe auf der Elbe hinunterzuschauen, besser geht’s nicht. Ich besuchte die Frauenkirche am Neumarkt. Alles historisch, alles nagelneu. Die Nacht vom 13.2.1945 schien nichts als ein böser Traum.

 

* Corradi Fiumara, G., Filosofia dell’ascolto, Milan, Jaca Book, 1994

 

 

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Eine Antwort zu “Zuhören (2)

  1. Danke für diesen Artikel voll Weisheit und Klarheit. – Dass Sie solche Träume haben, ohne selbst den Krieg auf diese Weise erlebt zu haben, würde C.G. Jung wohl mit dem kollektiven Gedächtnis und Erfahrungsschatz von Gesellschaften erklären. Sie leben nun schon so lange im deutschsprachigen Raum, dass sich Ihnen unterbewusst diese Erfahrungen „mitge-teilt“ haben mögen. Ähnliche Übertragungen erleben die Kinder und Enkel der Kriegs- und Vertriebenengenerationen, die von Situationen aus dieser Zeit in einem scheinbar unerklärlichen Realismus träumen, obwohl sie viele Jahre später geboren wurden.

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